Das große Finale: Patagonien

Weltreise, Teil 5 und somit letzter Teil: Wir sind am südlichen Ende von Südamerika. Das raue chilenische Patagonien mit dem berühmten Nationalpark Torres del Paine, dessen Türme zum Weltwunder gewählt worden sind, wartet auf uns – es belohnt diejenigen, die sich bis dorthin trauen, mit unglaublichen Ausblicken, stellt die Besucher aber auch auf die Probe.

Das Pier im Hafen von Puerto Natales zieht vorbei. An diesem Pier hätte unser Schiff, die Evangelistas, eigentlich anlegen sollen. Doch das Pier ist schon vorbeigehuscht, genauwie wie Pier Nummer zwei und drei. Es ist kein Anlegen möglich: Der starke Wind, allgegenwärtiger Begleiter in Patagonien, lässt es nicht zu, dass wir von Bord gehen. Die Passagiere plus Besatzung müssen auf der Evangelistas ausharren: Sechs Stunden insgesamt treiben wir bei Windgeschwindigkeit von mehr als 30 Knoten in der Bucht von Puerto Natales (passenderweise mit dem bedrohlichen Namen „Ultimo esperanza“ – letzte Hoffnung). Erst abends, als der Wind langsam zur Ruhe kommt, können mein Freund und ich mit den weiteren Passagieren das Schiff verlassen.

Auf dem Weg zum Grey Gletscher kommt man an wunderschönen blauen Seen vorbei. Genau so habe ich mir Patagonien vorgestellt, wie aus dem Bilderbuch!
Auf dem Weg zum Grey Gletscher kommt man an wunderschönen blauen Seen vorbei. Genau so habe ich mir Patagonien vorgestellt, wie aus dem Bilderbuch!

Drei Tage waren wir quasi „auf See“. In Puerto Montt eingestiegen, sind wir durch die Fjordlandschaft Patagoniens gefahren. Mal in ruhigem Gewässer, mit Inseln und Bergen zu jeder Seite, teilweise scheinbar lediglich einen Steinwurf entfernt. Dann wieder an der Küste mit einer Seite zum offenen Pazifik: Das war eine Nacht! Noch nie habe ich auf einem Schiff geschlafen, und diese Schaukelei war echt zum abgewöhnen. Wie froh war ich, als wir endlich wieder in einen ruhigen Fjord eingefahren sind. Was nimmt man nicht alles in Kauf, um zum Ziel, zum großen Finale zu gelangen: Patagonien mit dem berühmten Nationalpark Torres del Paine. Sieben Tage lang wollen wir zwischen den „Türmen“ wandern, die jeder passionierte Wanderer und Reisefreund aus aller Welt kennt.

Die berühmten Zinnen des Nationalparks "Torres del Paine" in Patagonien, die nur derjenige sehen kann, der sich knapp eine Stunde einen steilen, felsigen Weg zum Mirador rauf gezwungen hat.
Die berühmten Zinnen des Nationalparks „Torres del Paine“ in Patagonien, die nur derjenige sehen kann, der sich knapp eine Stunde einen steilen, felsigen Weg zum Mirador rauf gezwungen hat.

Wind treibt den Regen in Schüben vor sich her. Die Berge sind in Nebel gehüllt. Der Weg hat sich durch zwei Tage Dauerregen in einen Schlammsee verwandelt – quasi, seit wir im Nationalpark sind und unsere Route entlangwandern. Petrus ist uns aber ganz schön gram. Alle paar Meter schlittert man über matschige Stellen, springt durch riesige Pfützen und balanciert auf Baumstämmen, um die durchnässten Füße nicht vollends im vollgesogenen Grasland einsacken zu lassen….zu spät…der Fuß steckt zur Hälfte im Wasser. Mist. Davon war im Reiseführer aber nicht die Rede. Von wundervollen Ausblicken wird geschwärmt, doch die teilweise schnöde Realität wird gerne unter den Tisch fallen gelassen.

 Hat man in Patagonien Pech mit dem Wetter, ist das richtig richtig ungemütlich. Und mir kann auch keiner erzählen, dass es Spaß macht, völlig durchnässt im strömenden Regen stundenlang zu wandern. An zwei Tagen hatten wir solches Pech und das kann einem das Erlebnis echt vermiesen. Meine Laune war ganz schön im Keller.

Doch sobald die Sonne herauskommt oder einfach nur der Regen aufhört und man die wundervolle Landschaft genießen kann, erfüllen sich alle Superlative, die die Reiseführer aufführen. Mysthische Atmosphäre beim Aussichtspunkt auf dem Lago Sköttsberg, Ausblick auf die imposanten Berge „Los Cuernos“, die wie Teufelshörner aussehen, der eisblau leuchtende Gletscher Grey, der wie eine Art Blätterteig zusammengefaltet scheint, und immer wieder Seen in unterschiedlichen Blautönen, mal türkis, mal khaki, mal dunkelblau mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Die Bäume sind durch den rauen Wind gezeichnet, der an einigen Stellen unglaublich stark weht: Sie wachsen krumm und schief und an der dem Wind zugeneigten Seite wachsen teilweise keine Blätter.

Man sieht, dass man nichts sieht. Bei schlechtem Wetter ist die Aussicht natürlich eingeschränkt, kann aber dennoch schön sein. Nicht aufgeben. Der Mirador beim Gletscher del Frances hat trotzdem beeindruckt.
Man sieht, dass man nichts sieht. Bei schlechtem Wetter ist die Aussicht natürlich eingeschränkt, kann aber dennoch schön sein. Nicht aufgeben. Der Mirador beim Gletscher del Frances hat trotzdem beeindruckt.

„Patagonia! Who would ever think to going to such a place?“ „What on earth makes you choose such an outlandish part of the world to go to?“ These, and similar questions and exclamations I heard from the lips of my friends and aquaintances, when I told them of my intended trip to Patagonia, the land of Giants. The answer to the question was contained in its own words. Precisely because it was an outlandish place and so far away, I chose it. – Lady Florence Dixie

Das Zitat stammt von Lady Florence Dixie, die Ende des 19. Jahrhunderts nach Patagonien aufbrach. „Across Patagonia“ heißt das Buch der schottischen Adeligen, die mit ihrem langweiligen viktorianischen Leben, das Frauen nur als Ehefrau und Mutter eine Rolle zuwies, brach und nach Südamerika aufbrach. Nach ihrem Trip war Florence Dixie auch als Journalistin tätig. Ehrfrischend ehrlich und klar ist ihre Schreibe, teilweise aber auch gewöhnungbedüftig, wenn sie über Sachen schreibt, die heute politisch unkorrekt sind, wie beispielsweise ihre Beschreibung von schwarzen Sklaven. Das muss man dann wohl im historischen Zusammenhang sehen. Die Zitate habe ich teilweise gekürzt.

Essbare Beeren, saftig, aber ein wenig bitter, wachsen überall im Nationalpark.
Essbare Beeren, saftig, aber ein wenig bitter, wachsen überall im Nationalpark.

Der letzte Tag gibt nochmal alles, um uns für den verregneten Start zu entschädigen. Der Lago Pehoe glitzert in der Sonne, die Cuernos fangen die Wolken mit ihren Hörnern ein, der restliche Himmel strahlt in sattem Blau. Mit der Fähre geht es raus aus dem Nationalpark. Einsamkeit sucht man allerdings vergeblich. Nur selten waren mein Freund und ich mal für eine halbe Stunde alleine auf weiter Flur, normalerweise trifft man in regelmäßigen Abständen andere Wanderer. Teilweise staut es sich an manchen Stellen wie Flussübergängen. Und auch die Hütten waren immer voll belegt. Doch das sollte einen nicht davon abhalten, diese wundervolle Landschaft zu besuchen, es lohnt sich.

Die Tagesetappen schwanken zwischen 4 und 8 Stunden, sind also auch mit Gepäck noch gut machbar. Dabei muss man dazusagen: Unser Rucksack war leichter, weil wir unser Essen nicht selbst tragen mussten, sondern auf den Hütten gegessen haben. Wer Essen und Zelt mitschleppt, hat mehr zu tragen.
Die Tagesetappen schwanken zwischen 4 und 8 Stunden, sind also auch mit Gepäck noch gut machbar. Dabei muss man dazusagen: Unser Rucksack war leichter, weil wir unser Essen nicht selbst tragen mussten, sondern auf den Hütten gegessen haben. Wer Essen und Zelt mitschleppt, hat mehr zu tragen.

Der Nationalpark wurde auch in einer Befragung zu einem der Weltwunder gewählt. So gut erschlossen und dennoch so tief in der Natur ist eine einmalige Kombination, die es einem „normalen“ Wanderer ermöglicht, die Landschaft zu genießen, ohne mit Sondergenehmigung, Guide und Survivalausrüstung los zu marschieren. Das unbeständige und raue Wetter verlangt einem wirklich viel ab und hat mit einem Sonntagsspaziergang nichts gemeinsam, aber mit halbwegs anständige Ausrüstung kann man Wind und Regen zumindest halbwegs in Schach halten. Komplett trocken und warm kann selbst die teuerste Ausrüstung der Welt nicht halten. Wie hat mein Freund gesagt, als ich mal wieder wegen des Regens und nasser Füße rumgemault habe? „Das ist Teil des Deals.“ So muss man es wohl sehen.

Patagonia at last! Desolate and dreary enough it looked, a succession of bare plateaus, not a tree nor a shrub visible anywhere; a grey, shadowy country, which seemed hardly of this world; such a landscape, in fact, as one might expect to find on reaching some other planet. – Lady Florence Dixie

Erschöpft, aber glücklich: Einen letzten Blick auf die Cuernos, die Hörner werfen, und dann geht es ab zum Bus!
Erschöpft, aber glücklich: Einen letzten Blick auf die Cuernos, die Hörner werfen, und dann geht es ab zum Bus!

Ich bin super froh, in Patagonien gewesen zu sein und den Teil der Welt gesehen zu haben. Er hat mich nachhaltig beeindruckt. Dennoch beneide ich die Menschen nicht, die dort leben und mit dem ständigen Wind und der Kälte zu tun haben. Ein klitzekleines bisschen erleichtert war ich dann doch, als ich wieder bei 30 Grad in Santiago unterwegs war.

Auf jeden Fall machen:

  • Unbedingt regenfeste Kleidung und Schuhe mitnehmen. Es macht absolut keinen Spaß, nasse Füße zu bekommen. Und morgens in klamme Sachen zu steigen, erhöht die Lust auch nicht gerade…Outdoorkleidung ist zwar irre teuer, lohnt sich aber doch. Hier gibt es eine große Bandbreite, es muss nicht unbedingt die Hightech-Regenjacke für 300 Euro sein, aber ein wenig investieren muss man wohl doch.
  • In Puerto Natales die netten Cafes besuchen und noch etwas shoppen gehen. Sie haben dort schöne Handcraft-Sachen, Gestricktes, Gehäkeltes, aus Wolle, Ponchos. Nicht günstig, aber schön.

Auf keinen Fall machen:

  • Sich übers Wetter ärgern. Es bringt nichts. Patagonien ist und bleibt raues, regnerisches, kaltes Terrain. Und gerade durch den Regen und die Wildheit ist es, wie es ist, und übt es die Faszination aus.

 

 

 

 

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