Wann ist man Feministin? Der Streit um „kinderfreie“ Frauen

Wann ist man eine Feministin? Wie sieht echte Gleichberechtigung aus? Artikel über Wie-teilen-sich-deutsche-Paare-die-Hausarbeit und psychologische Analysen füllen schon lange Online-Magazine und Zeitungsseiten, schmachtende Blicke gehen in Richtung der skandinavischen Länder, die bei so vielem Vorbild sind. Doch spätestens seit Orna Donaths „Regretting Motherhood“ rückt in der Debatte um Gleichberechtigung immer mehr ein Aspekt in den Fokus: Feminismus wird mit der Frage nach Fortpflanzung verquickt.

Sprich: Immer mehr wird hinterfragt, ob und inwiefern sich Feminismus und Fortpflanzung bedingen oder vereinfacht gesagt: „Bin ich nur feministisch, wenn ich keine Kinder habe?“ Diese Frage in dieser Radikalität stellt gerade Verena Brunschweiger, eine 38-jährige Gymnasiallehrerin, die ein Buch „Kinderfrei statt kinderlos – ein Manifest“ herausgebracht hat.

Im Spiegel-Interview wird Brunschweiger gefragt, ob Frauen, die gerne Mutter sind, keine Feministinnen seien. Die 38-Jährige antwortet darauf: „Wenn mir eine Mutter sagt, dass sie Feministin ist, dann kann sie das gern von sich meinen, aber ich würde das anders sehen. Viele Mütter denken, sie seien Feministinnen. Für mich bedeutet Feminismus, jeglichen patriarchalen Imperativ abzulehnen. Das heißt: Feministin ist die, für die Mutterschaft nicht infrage kommt.“

Sind Haltung oder Merkmale entscheidend?

Dass Verena Brunschweiger zu diesem Schluss kommt, finde ich abwegig. In meinen Augen bedeutet „Feministin sein“ eine Haltung, die nicht an Merkmalen wie kinderlos oder kinderreich festzumachen sind. FeministInnen sind Frauen und ja, auch Männer, die für eine Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern kämpfen, die sich dafür einsetzen, dass Frauen nicht schlechter oder ungerechtfertigt anders behandelt werden als Männer. So simpel ist das. Ob die Frau oder der Mann ein Kind in die Welt gesetzt hat, finde ich für die Frage nach Gleichberechtigung völlig unerheblich.

Ja, es stimmt, dass es als Mutter oder Vater ungleich schwerer ist, eine gleichberechtigte Beziehung zu führen. Häufig genug werden ehemals feministische Ansprüche Opfer von Pragmatismus und äußerlichen Zwängen. Immer noch sind gerade Mütter die Leidtragenden durch unzureichende und unflexible Betreuungsangebote und ihre Entscheidung, viel häufiger in Teilzeit zu arbeiten als Väter. Ich sehe aber die Bringschule eher bei der Gesellschaft und der Politik: Sie muss dafür sorgen, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit Frauen und Männer ein gleichberechtigtes Leben führen können. Die Hände in den Schoß legen und die Politik für das eigene Leben verantwortlich machen, geht auf der anderen Seite natürlich auch nicht. Man muss ein gleichberechtigtes Leben auch wollen und bereit sein, dafür Opfer zu bringen.

Aber es kann nicht sein, dass Frauen sagen müssen: Wenn ich mir meine Freiheit und meinen Feminismus erhalten möchte, kann ich keine Kinder bekommen. Es muss doch beides gehen: Familie und Karriere, Feminismus und Mutterschaft.

An der Entwicklung der Diskussion in den vergangenen Jahren kann man allerdings ablesen, dass inzwischen immer häufiger das Kinderkriegenmüssen thematisiert wird. Es ist gut, dass verstärkt gestritten wird: Muss jede Frau Kinder bekommen wollen, findet jede Frau (und letztendlich muss man sich auch fragen: Jeder Mann?) zwingend Erfüllung im Mutterdasein (oder Vaterdasein)? Dass zurzeit immer mehr Bücher auf den Markt kommen, die sich damit beschäftigen (zum Beispiel das Buch der kanadischen Autorin Sheila Heti „Mutterschaft“, das im Februar auf deutsch veröffentlicht wurde) zeigt, dass hier eine ganz essentielle und heikle Frage angegangen wird. Liebe FeministInnen, diskutiert gerne weiter so: Gerade Deutschland mit seiner immer noch sehr konservativen Haltung zu Geschlechterthemen (man denke nur an Annegret Kramp-Karrenbauers unterirdischen Witz über das dritte Geschlecht an Karneval) tun solche Diskussionen gut.

Für mich ist der Fall klar: Ich bin für Gleichberechtigung, gegen jede Form von Unterdrückung (ob Patriarchat oder Matriarchat), also bin ich Feministin – ob ich jemals ein Kind bekommen werde oder nicht.

Auf dem Olavsweg durch Norwegen

Ihr sucht eine Alternative zum Jakobsweg? Hier habt ihr sie: Der Olavsweg führt durch Norwegen – atemberaubende Landschaften und nette Gastgeber inklusive.

Der Olavsweg ist ein alter Pilgerweg, Start ist in Oslo, auf 660 Kilometern geht es der historischen Route nachempfunden auf Wanderwegen, aber auch viel auf asphaltierten Straßen und durch Wald und Gebirge bis nach Trondheim. Ziel ist das Grab des Heiligen Olav im Nidarosdom in der mittelnorwegischen Stadt.

Immer wieder begegnen dem Wanderer oder der Wanderin diese Meilensteine, hier nahe Hjerkinn.Für den kompletten Weg braucht man ungefähr vier Wochen, wenn man an die 20 Kilometer am Tag schafft. Wir haben auch einige besonders Motivierte getroffen, die den Trek in drei Wochen schaffen wollen (und das glaube ich auch, bei dem Tempo, mit dem einige unterwegs waren :)!). Das Gros nimmt sich aber mehr Zeit oder teilt die Strecke auf, so ist es entspannter.

Im schönen Gudbrandsdal
Im schönen Gudbrandsdal

Ich habe mir für meinen zweiwöchigen Urlaub zwei Filetstücke herausgegriffen: Ich habe das wunderschöne Gudbrandsdal (nach dem der Weg auch benannt ist, er heißt nämlich alternativ Gudbrandsdalsleden) erwandert, war aber auch im Gebirge (Dovrefjell) unterwegs.

Mit Zelt oder in Herbergen

Herbergen gibt es genügend entlang der Strecke. Ich habe immer Platz in einer Unterkunft bekommen, obwohl ich nie im Voraus gebucht oder die Gastgeber angerufen habe. Grundsätzlich wird durchaus empfohlen, sein Kommen im Vorfeld anzukündigen.

Es gibt so nette Gastgeber! In der Pilgerunterkunft Borkerud im Gudbrandsdal wurde ich so herzlich empfangen, es ist wirklich ein kleines Paradies mit einem tollen Ausblick dort oben am Berg.

Rast im Wald
Rast im Wald

Auch Christiane von der Unterkunft Fokstugu hat mich wundervoll empfangen, das alte Haus ist aus dem 16. Jahrhundert und extra für Pilger reserviert. Gemütlich sitzen die PilgerInnen dort vor dem Kamin beisammen.

Seit mehreren Jahrhunderten empfängt die Familie von Christiane in Fokstugu am Rande des Dovrefjell Pilger, diese tolle und herzliche Atmosphäre merkt man dem Haus an. Auch eine kleine Kapelle gibt es dort für die Andachten. Und immer diese atemberaubende Ausblicke auf die Berge ringsherum, die sich aus dem Blau der Ferne erheben.

Aber auch als ich abends erschöpft noch auf dem Hof Nordrum Gard im Gudbrandsdal ankam, fand die Gastgeberin noch etwas Brot und Käse und Gemüse und organisierte ein Frühstück für mich: Unkompliziert und gastfreundlich, so sind die NorwegerInnen.

Im Dovrefjell
Im Dovrefjell passiert man auch im Sommer noch Schneefelder, warme und windabweisende Kleidung ist ein Muss.

Man kann auch gut zelten, doch selbst im Sommer kann es kalt werden – gerade im Gebirge. Sowieso muss man in Norwegen mit jedem Wetter rechnen. Von 25 Grad in Oslo bis zu 3 Grad und Schneeregen im Dovrefjell war alles drin. Wie sagte Christiane von der Herberge Fokstugu? „Normalerweise verschwinden die letzten Schneewehen erst an Mittsommer.“ Willkommen im hohen Norden!

Hilfreich ist die offizielle Webseite des Pilgerwegs: www.pilegrimsleden.no
Hier geht es zur Wettervorhersage: www.yr.no

Trondheim, die bunten Häuser am Hafen sind weltbekannt.
Trondheim, die bunten Häuser am Hafen sind weltbekannt.

Winnetou wurde hier gedreht – Kroatiens bekannteste Wasserfälle

Es gibt kaum jemanden, der die Winnetou-Filme nicht kennt. Drehorte vieler Szenen war Kroatien, mal die Plitvicer Seen und Paklenica, mal der Krka-Nationalpark in Dalmatien.

Rund 1 Million Touristen besuchen den Nationalpark Krka in Mitteldalmatien jedes Jahr. Die meisten haben vor allem ein Ziel: Die Wasserfälle Skradinski Bug, an deren Ufer Filme wie „Winnetou“ und Old Shatterhand“ gedreht wurden. Ganze Fan-Webseiten beschäftigen sich damit, Wirklichkeit und Filmszenen abzugleichen.

Doch auch wer kein Winnetou-Fan ist, kann die Fülle im Krka-Nationalpark genießen. Ein Steg führt in Schlenkern an vielen Seen, Wasserfällen, Mooren vorbei, man kann blaue Libellen vor der Nase fliegen und Frösche nebenan quaken hören. Leider ist es an den Wasserfällen Skradinski Bug sehr voll, teilweise kann man vor Aussichtspunkten Schlangestehen, und das in der Nebensaison! Wer mehr Ruhe braucht, kann zu dem Schwester-Wasserfall Roski Slap fahren, der deutlich kleiner, aber durch deutlich weniger Besucher auch entspannter und atmosphärischer ist.

Der Nationalpark Krka von oben

Am See mit seinen schilfbewachsenenen Rändern riecht die Luft nach Nadelholz, vor allem, wenn es gerade geregnet hat. Klettert man einige Hundert Meter nach oben, breitet sich von oben ein wunderschönes Panorama über die „Wassertreppen“ aus. Mit den karstigen Felswänden links und rechts vom tiefblauen Fluss Krka kann man sich ganz gut vorstellen, dass auf einmal Winnetou und Old Shatterhand aus dem Gebüsch treten.

Die „Wassertreppen“ von Roski Slap in Kroatien

Im Mai 2018 habe ich an einer Pressereise nach Kroatien teilgenommen. Fünf Tage waren wir an der dalmatinischen Küste unterwegs. Ihr wollt mehr von Kroatien lesen? Hier geht es zu dem Blogeintrag über Kroatiens Weine, die von der Sonne ganz schön verwöhnt sind.

Die Sonne im Glas – Kroatiens Weine

Kroatischen Wein findet man hierzulande eher selten. Es liegt daran, dass keine großen Mengen hergestellt werden. Und das meiste wird im Land getrunken. Qualitativ sind die Weine durchaus hochwertig.

Unterwegs an der Küste in Dalmatien: Das türkisblaue Meer funkelt, man sitzt zusammen bei Brot und Käse und bei einem Glas Wein. Schnell wird klar: Bei dem mediterranen Klima sind Rotweine eindeutig im Vorteil, die von den Temperaturen und der vielen Sonne profitieren. Babic und Plavac mali (kleiner Blauer) heißen Sorten, die nur in Kroatien angebaut werden. Die steinige Karstlandschaft sorgt für Mineralität. Aber auch Rebsorten wie Merlot und Syrah gedeihen hier hervorragend. Die viele Sonne führt dazu, dass die Weine es in sich haben: 13 bis 16 Prozent Alkohol sind keine Seltenheit.

Es hat ein bisschen was von der Provence...
Es hat ein bisschen was von der Provence…

Aber auch weiße Sorten werden angebaut, mit Marastina hat Kroatien auch hier eine autochthone Rebsorte. Goldgelb ist die Farbe des Weins.

Kräuter finden auch ihren Weg in die Küche
Kräuter finden auch ihren Weg in die Küche

Zu Besuch auf dem Weingut Bibich in Plastovo, nicht weit vom Krka-Nationalpark, den man als Filmkulisse aus Filmen wie Winnetou und Old Shatterhand kennt: Nach dem Kroatienkrieg hat die Familie das Weingut aufgebaut und brachliegende Weinstöcke reaktiviert. Weiße Wände, Kräuter und Deko – man fühlt sich hier wie in die Provence versetzt.

Blick in den Weinkeller des Guts Bibich in Plastovo

Auf 23 Hektar werden die Weinreben angebaut. 150.000 Flaschen stellt die Familie Bibich im Jahr her – und das meiste wird tatsächlich exportiert, in die USA. Der Stolz des Guts ist „Bas de Bas“, ein Cuvée aus 90 Prozent Shiraz und 10 Prozent Merlot. Rund, vollmundig mit einer tiefroten Farbe – mit mehr als 500 Kuna (umgerechnet circa 70 Euro) aber auch sündhaft teuer.

Günstiger kommt man mit „Debit“ davon (circa 10 Euro): Der Weißwein ist aus der letzten Ernte, leicht, fruchtig und mit dem Aroma von grünem Apfel, perfekt für den Sommerabend. Gute Weine aus Kroatien müssen sich also nicht hinter den Erzeugnissen aus „typischen“ Ländern wie Frankreich, Italien und Deutschland verstecken.

Im Weingut Bibich in Plastovo
Im Weingut Bibich in Plastovo

Im Mai 2018 habe ich an einer Pressereise nach Kroatien teilgenommen. Fünf Tage waren wir an der dalmatinischen Küste unterwegs. Ihr wollt mehr von Kroatien lesen? Hier geht es zu dem Blogeintrag über Skradinski Bug, wohl Kroatiens bekannteste Wasserfälle. Hier wurde unter anderem „Winnetou“ gedreht.

Nur männliche Kunden bei der Sparkasse

Der Bundesgerichtshof hat im März sein Urteil gefällt: Die Sparkassen müssen ihre weiblichen Kundinnen nicht mit der weiblichen Form ansprechen. „Kunde“ schließt auch immer die Frauen mit ein.

Zugute halten kann man dem Gericht, dass es eine einfache und unkomplizierte Ansprache erreichen wollte, denn zugegebenermaßen: Immer „Kundinnen und Kunden“, „Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, „Studentinnen und Studenten“ zu schreiben, ist mühselig, verlängert Texte und liest oder spricht sich auch nicht flüssig.

Aber ist einfach und unkompliziert der richtige Weg? Wer „Kunde“ schreibt, nimmt keine neutrale Form, sondern explizit die männliche. Ein Kunde ist ein Mann. Keine Frau. Punkt. Und wer seine Kunden mit der männlichen Form anspricht, lässt die Frauen außen vor.

Beim Plural argumentieren diejenigen stets, dass die Form (in dem Beispiel „Kunden“) auch Frauen miteinschließt, die männliche Pluralform und die für beide Geschlechter seien eben identisch. So hat auch beim Sparkassen-Streit die Vorinstanz, das Landgericht Saarbrücken, laut Medienberichten argumentiert: Die männliche Form werde bereits „seit 2000 Jahren“ auch als Kollektivform genutzt.

Eben, die männliche Form wird einfach für beide Geschlechter verwendet. Der Mann war scheinbar zuerst da, und daher nehmen wir einfach das Wort für ihn und tun einfach so, als würde das Wort für beide Geschlechter gelten. Weil es zu mühsam, zu konstruiert klingt, immer wieder auch Frauen explizit anzusprechen.

Weibliche Form für beide Geschlechter

Wenn Einfachheit und Unkompliziertheit das einzige Argument sind, dann drehen wir doch einfach mal den Spieß um: Was wäre, wenn wir immer die weibliche Form für beide Geschlechter verwenden würden? Alle Lehrerinnen würden selbstverständlich auch die männlichen Lehrer mit einschließen und die Sparkasse würde allen Kundinnen ihre neuen Regeln erläutern. Ich glaube, dass das die meisten Männern stören würde und sie sich nicht angesprochen fühlen. Aber weil es eben „immer schon so war“, sollen sich Frauen in der männlichen Ansprache wiederfinden. Dass es etwas schon lange gibt, war noch nie ein stichhaltiges Argument, selbst, wenn es sich um eine Zeitspanne von 2000 Jahren handelt.

In einem sprachwissenschaftlichen Seminar der Uni Bonn habe ich über die Theorie des „Konstruktivismus“ gelernt: Die Sprache ist enorm wichtig für eine Gesellschaft und sagt sehr viel über ihre Weltsicht aus. Wenn es ein Phänomen gibt, das den Menschen wichtig ist, dann gibt es dafür auch ein Wort. Nicht umsonst kennen Inuit angeblich 50 Wörter für Schnee. Es sagt viel über eine Gesellschaft aus, wenn sie den Frauen eine eigene Ansprache verweigert, denn das heißt: Ihr seid nicht wichtig, ihr seid sprachlich im Mann „mit inbegriffen“ – und was die Sprache ausdrückt, zeigt sich auch in der Realität.

Man mag es für übertrieben halten, daraus die entscheidende Schlacht für Gleichberechtigung zu machen. Es ist nicht allein das Feld der Sprache, auf dem sich Emanzipation entscheidet und durchsetzt – aber es ist ein Schlachtfeld, eins von vielen.

Bücher, die die Welt verändern: Die Asche meiner Mutter

Es gibt Bücher, die unterhalten und amüsant sind und es gibt Bücher, die das Leben verändern. Frank McCourts Roman „Die Asche meiner Mutter“ ist ein solches Buch, nach dessen Lektüre man die Welt mit anderen Augen sieht.

Der irische Schriftsteller, der bereits 2009 gestorben ist, hat in dem berühmten Roman über seine schwere Kindheit geschrieben. McCourt wurde als Sohn irischer Einwanderer 1930 in New York geboren. Im Zuge der amerikanischen Depression siedelte die Familie zurück nach Irland, nach Limerick, wo die Mutter ihre Kinder durchzubringen versuchte – während ihr Mann jeglichen Lohn, den er unregelmäßig bekam, in den Kneipen durchbrachte.

Frank McCourt schildert sein Leben schonungslos und ehrlich: Die Armut, in der er und seine Brüder aufgewachsen sind. Die Geschwister weinten vor Hunger, es gab matschiges Brot mit Zucker – wenn es überhaupt mal etwas gab -, die Familie teilte sich zu fünft eine Matratze voller Flöhe. Wenn man Schuhe mit kaputten Sohlen an den Füßen hatte, war man noch gut dran: Es gab viele Kinder, die barfuß zur Schule kamen. Schweinskopf mit Kartoffeln war an Weihnachten ein Festmahl, Elektrizität war ein ferner Traum, die ganze Gasse teilte sich eine Toilette. Kein Wunder, dass die Mutter drei ihrer Kinder begraben musste – die medizinische Versorgung, mangelnde Hygiene und die extreme Unterernährung hatten ihren Tribut gefordert.

Raus aus der Armutsspirale

Frank McCourt schafft es aber, das alles hinter sich zu lassen. Er entwickelt sich wie ein normales Kind, findet als Jugendlicher Jobs und spart viele Jahre, um sein Leben in Limerick hinter sich zu lassen und in den USA nochmal neu anzufangen. Was er geschafft hat: Der Ire arbeitete als Englischlehrer und bekam für sein Werk den Pulitzer Preis. McCourt schafft aber noch viel mehr: Er berichtet ganz neutral von seinem Leben, ohne Groll gegenüber den Menschen, die es besser hatten als er. Er zeigt nicht mit dem Finger auf sie, jammert nicht, hadert nicht mit seinem Schicksal. Dadurch beweist er eine enorme Geistesstärke und beschämt unsereins, denen es so gut geht und die wir uns dennoch über so vieles beschweren. Der Job! So wenig Zeit! Der Einkauf war so teuer, der Urlaub hat so viel Geld gekostet! Warum kann sich XY das große Haus und im Urlaub das 4-Sterne-Hotel leisten? Dieses Buch öffnet einem die Augen, in was für einem Luxus wir leben.

Es ist erschreckend zu lesen, wie schlecht es den Menschen in Europa vor nicht allzulanger Zeit noch ging. Aber es erschreckt noch mehr, wenn man daran denkt, dass es so vielen Menschen heutzutage auf der Welt immer noch so ergeht. Dieser Gedanke erfüllt einen durchaus mit Demut und mit Scham, aber eben auch mit Dankbarkeit. Vor fünf Jahren habe ich auf meiner Irlandreise Limerick besucht. Damals hatte ich das Buch noch nicht gelesen, wusste aber, dass die Menschen dort früher ziemlich arm gewesen sind. Jetzt habe ich eine noch viel genauere Vorstellung. Was für ein Segen, dass man selbst zu einer anderen Zeit in einem anderen Land geboren worden ist. Dieses Buch sollte jeder mal gelesen haben. Den Pulitzer Preis hat Frank McCourt eindeutig zu recht erhalten.

Italiens berühmtester Wanderweg: Unterwegs auf dem Sentiero Degli Dei

Der „Weg der Götter“: Wer so einen Namen hat, der muss was bieten. Aber das kann der Wanderweg Sentiero Degli Dei, der als einer der schönsten Italiens – ach was, der ganzen Welt – gilt.

Doch man muss es als Wanderin erst einmal hier hinauf schaffen, hoch über die Amalfiküste, deren Felsen und Berge direkt hinab ins Meer zu stürzen scheinen. Lediglich Gassen, Wege und extrem geschlängelte Straßen führen vom Meer in die Bergwelt von Agerola Bomerano, wo der Götterweg seinen Anfang nimmt. Acht Tage habe ich mir Zeit genommen für die Amalfiküste, von Salerno geht es in die mondäne Küstenstadt Sorrento, immer mit dem ganzen Gepäck auf dem Rücken, was angesichts von täglichen 1000 bis 1800 Höhenmetern eine extrem schweißtreibende Angelegenheit ist.

Der Wanderweg führt an Berghängen entlang und bietet atemberaubende Ausblicke.

Atemberaubende Ausblicke gibt es von den Höhen der Küste jederzeit: Pogerola oder der Limonenweg bei Minori, um zwei Beispiele zu nennen. Doch der Sentiero Degli Dei ist schon etwas ganz Besonderes: Man wandert dicht am Berghang entlang, tiefe Blicke in grüne Täler entlassen einen bei Bomerano auf den weiteren Weg. Die Monti Lattari, die Milchberge, machen ihrem Namen alle Ehre und türmen sich cremefarben wie der Schaum auf dem Cappuccino.

Italien von seiner schönsten Seite

Dann sieht man zum ersten Mal die komplette Amalfiküste bis zu ihrer westlichen Spitze, tiefblaues Meer, Olivenbäume, Handwerker kommen mit ihren Eseln vorbei. Ein echter Anblick für Götter, sie sollen der Legende nach diesen Weg zwischen Berge und Meer genommen haben. Hier zeigt sich Italien von seiner schönsten Seite.

Olivenbäume säumen den Weg.

Alleine ist man als Wanderin auf diesem Pfad selbstverständlich nicht: Je weiter man nach Nocelle und somit Positano kommt, umso mehr Touristen sieht man. Doch das sollte einen nicht abhalten, die Ausblicke auf die Amalfiküste belohnen einen. Und selbst Ende Oktober kann man Glück mit dem Wetter haben und bei Sonnenschein und 20 Grad wandern – lediglich der kalte Wind ruft einem in Erinnerung, dass es schon Herbst ist. Doch zum Wandern ist das die perfekte Jahreszeit, so kann man den Herbstblues noch ein wenig aufschieben.

Die Amalfiküste, das Land, „wo die Zitronenbäume blühen“.

Wiederentdeckt: Chiles Rotwein-Wunderkind

Wer einen fruchtigen Rotwein für einen milden Sommerabend sucht, der ist bei chilenischem Wein genau richtig. Genauer gesagt: Bei der Sorte Carmenere. Die hat darüber hinaus eine interessante Geschichte zu erzählen.

Chiles Geheimwaffe ist der Carmenere. Die rote Traubensorte stammt ursprünglich aus der Bordeaux-Region, dort konnte sie allerdings nicht gedeihen und fiel der Reblaus zum Opfer. In Chile hingegen machte sie Karriere, nachdem man sie überhaupt wiederentdeckt hat. Denn lange Zeit hatte man sie für Merlot gehalten. Carmenere unterscheidet sich deutlich von anderen Rotweinen: Ich habe auf meiner Weltreise auf dem Weingut Concha y Toro, einem der Platzhirsche Chiles, eine Probe mitgemacht.

Der Merlot zum Beispiel ist trocken, die Zunge fühlt sich hinterher durch die enthaltenen Tannine recht trocken an. Der Carmenere hingegen ist absolut fruchtig-lieblich, fast schon könnte man ihn süffig nennen, und hinterlässt im Mund einen ganz anderen Geschmack. Farblich gesehen können beide mit tiefroter, rubinartiger Farbe punkten. Mein Favorit war dennoch eindeutig der Carmenere.

Echten Carmenere - den gibt es nur in Chile.
Echten Carmenere – den gibt es nur in Chile.

Besonders für die roten Traubensorten eignet sich das chilenische Klima eben gut: Knapp 60 Prozent der gesamten produzierten Weinmenge des südamerikanischen Landes sind Rotweine. Cabernet Sauvignon ist eine der am häufigsten angebauten Sorten, aber auch Merlot ist gut vertreten.

Doch auch mit Weißweinen macht man in Chile nichts falsch. Chardonnay oder selbst Riesling werden angebaut, vorzugsweise aber eher in Ozeannähe, da das Klima dort regenreicher und nicht so heiß ist wie im Landesinneren. Das Land, in das das Weingut Concha y Toro übrigens am meisten exportiert, ist mittlerweile China. Dort wird guter Wein immer begehrter.

Auf dem Weingut Concha y Toro, dem größten Weinexporteur von Chile.
Auf dem Weingut Concha y Toro, dem größten Weinexporteur von Chile.

Weinprobe in der Pfalz: Mehr zum Thema Wein gibt es hier.

Bergische Streifzüge: Der Wacholderweg

Heute geht es tief ins Oberbergische hinein: Den Wacholderweg, Streifzug Nummer 12, findet man in Eckenhagen.

Es ist schon ein gutes Stück die A4 Richtung Olpe, bis man endlich in Reichshof-Eckenhagen angekommen ist. Auf verschlungenen Serpentinen geht es ins pittoreske Örtchen, wo der Wanderweg abzweigt. Man ist sofort von Natur umgeben (klar, mitten im Oberbergischen). Es geht leicht bergauf, durch Wälder und an Wiesen vorbei. Infotafeln erklären, wogegen die Früchte des Wacholderbusches helfen (töten Keime ab und stärken das Immunsystem) und berichten von Mythen und Legenden, die sich um die Pflanze ranken.

Doch wo bleibt sie denn? Ein Schild weist den Weg zu einer der mittlerweile raren Stellen. Waren früher viel größere Gebiete im Bergischen Land von der Wacholderheide (der Wacholder gedeiht gut in Nachbarschaft mit Heidekraut) bedeckt, sind es inzwischen nur einige wenige.

Der Wacholderweg führt auf 5,5 Kilometern zu einem Wacholdergebiet nahe Eckenhagen.

Da stehen die Büsche, einige schlank, andere ausladend. Ja, man kann sich gut vorstellen, den einen oder anderen Busch in der Dunkelheit mit einem Menschen zu verwechseln. Einige haben eine ähnliche Form. Daher stammt zum Teil auch die Mystifizierung.

Die Route ist extrem gut ausgeschildert.

Der Rundweg führt auf 5,5, Kilometern noch weiter durch Wald, bis er in Eckenhagen wieder herauskommt. Ein toller Weg, mitten in der Natur und im Oberbergischen und super ausgeschildert. Schade, dass er so kurz ist, man dafür aber so einen weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen muss. Gerne mehr von der Sorte.

Der Wacholder, auch Todesbaum genannt.
Der Wacholder, auch Todesbaum genannt.
Die Tour startet und endet in Reichshof-Eckenhagen.

Weitere Tour-Berichte:

Der Heimatweg

Der Fachwerkweg

Der Obstweg

Der Mühlenweg

Meine Weltreise: Jetzt wird abgerechnet

Meine Weltreise liegt nun schon fast 6 Monate zurück. Längst arbeite ich, plane den nächsten Umzug und habe schon eine weitere Urlaubsreise hinter mir. Doch für die Endabrechnung muss noch Zeit sein, egal, wie lange die Reise her ist. Wie viel CO2 habe ich in die Luft gepustet und wie viele Kilometer habe ich tatsächlich gemacht? Diese Antworten wollte ich haben und habe etwas herumgerechnet.

Erschreckend, aber nicht überraschend: So eine Reise macht einen zur Umweltsau par excellence. 5 Prozent aller Treibhausgase im Jahr gehen auf das Konto von Touristen, schreibt die Süddeutsche, ich habe nun einen schönen Batzen dazu beigetragen. Knapp 12.700 Kilogramm Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre gehen auf mein Konto. Uff…2300 Kilogramm sei das jahresverträgliche Klimabudget für einen Menschen, sagt Atmosfair. Da habe ich mal eben das Fünf- bis Sechsfache ausgestoßen.

„Klimaverträglich fliegen, das schließt sich aus“

Während meiner Zeit bei der Rhein-Zeitung habe ich mich mit dem Tourismusforscher Knut Scherhag von der Uni Worms über nachhaltiges Reisen unterhalten. Als „modernen Ablasshandel“ hat er Angebote wie von Atsmosfair, Myclimate und Ecogood genannt. Die Reise „kompensieren“, also alle Schäden wieder „gut machen“ geht gar nicht. Beispiel CO2: Dort, wo es ausgestoßen wird, und das ist oben in der Atmosphäre, richtet es einen viel größeren Schaden an als unten am Boden, wo Firmen wie Atmosfair und Co. versuchen, den CO2-Austausch zu reduzieren, indem sie beispielsweise klimafreundlichere Kocher in Afrika an die Menschen verteilen.

Und auch Reginne Gwinner, Herausgeberin des Magazins „Verträglich Reisen“ hat ziemlich schnell Schluss mit Illusionen gemacht: Klimaverträglich fliegen, das schließt sich praktisch aus.

Wie kommt man ans andere Ende der Welt, ohne zur Umweltsau zu werden? Geht gar nicht.

Nicht reisen ist aber keine Option für mich und leider kann man nur mit dem Flugzeug viele schöne und ferne Reiseziele erreichen. Es sei denn, man nimmt das Schiff, aber auch das stößt schließlich Emmissionen aus und wer hat schon so viel Zeit als Berufstätige/r? Und so ich denke mir: Alles ist besser als nichts und nehme mir vor, einen Beitrag zu spenden: Für die Kompensation von Kohlenstoffdioxid, für Umweltprojekte. Auch, wenn es möglicherweise nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Es ist immerhin etwas.

Mehr Kilometer als der Äquator lang ist

Nun zu der Entfernung: Einmal um die Welt bin ich gereist, das schlägt sich auch in der Kilometerangabe nieder – 46.240 Kilometer haben mein Freund und ich letzte Jahr zurückgelegt. Das ist mehr als der Äquator lang ist (knapp mehr als 40.000 Kilometer). Aber wir sind ja auch innerhalb der Länder herumgereist, also nicht zwingenderweise in eine Richtung, das erklärt die Differenz.

Unglaublich. Das wäre früher gar nicht möglich gewesen, ohne die moderenen Fortbewegungsmittel. Auf der einen Seite eine riesen Chance, auf der anderen Seite darf man es nicht übertreiben. Ich habe mir schon lange vorgenommen, für Kurztrips oder Reiseziele, die man auch mit Bus, Bahn oder Auto erreichen kann, die eben auch so anzusteuern – und bewusst auf das Flugzeug zu verzichten. Viele fliegen übers Wochenende nach Paris, Krakau oder Berlin.

Finde ich Quatsch, diese Städte sind mit dem Zug oder dem Auto vermutlich viel schneller und entspannter zu erreichen. Da, wo man ohne Flugzeug nicht oder nicht so einfach hinkommt, nehme ich es allerdings auch. Und nehme in Kauf, eine Umweltsau zu sein. Auch wenn es irgendwo egoistisch ist.