Urlaubsspaß trotz Terror?

Anschläge und Attacken erschüttern Deutschland und Frankreich zur Sommerferienzeit. Darf man trotz des Terrors Spaß im Urlaub haben – oder sollte man vielleicht gerade deswegen?

Ein Lkw-Fahrer rast in eine Menschenmenge, ein Jugendlicher geht mit einer Axt auf Passagiere in einer Bahn los, ein Amokläufer erschießt Menschen in einem Einkaufszentrum und in einer beschaulichen Kleinstadt zündet jemand einen Sprengsatz. Man liest das, hört das, sieht die Bilder im Fernsehen, schüttelt den Kopf…und verbringt den Rest des Tages seelenruhig am Strand. Terror zu Urlaubszeiten: Wie geht man damit um? Informiert man sich, diskutiert darüber und lässt zu, dass die Nachrichten was mit einem selbst machen und den Charakter des Urlaubs verändern? Oder genießt man den Urlaub trotzdem – vermeidet vielleicht sogar bewusst die Berichterstattung, um sich die „schönste Zeit des Jahres“ nicht vermiesen zu lassen? Mit oder ohne schlechtes Gewissen?

All diese Fragen hab ich mir gestellt, als mich einige der Nachrichten auf dem Weg in den Sommerurlaub erreicht haben. Und ich habe alle Phasen durchlaufen. Bei dem Amoklauf in München habe ich noch an der Autobahnraststätte versucht, mich über Spiegel Online auf dem Laufenden zu halten, was denn eigentlich passiert sei und wie der Stand der Dinge ist. Beim Anschlag in Ansbach habe ich das nur so mit halbem Ohr mitbekommen und dann trotzig gesagt: Nein, ich will jetzt darüber nichts Genaueres wissen, ich bin jetzt im Urlaub und habe Spaß. Basta. Bis sich das schlechte Gewissen eingeschlichen hat: Wie es den Menschen in Deutschland oder an den Anschlagsorten gerade geht oder den Angehörigen der Opfer gar? Sie machen gerade die Hölle durch und ich liege verträumt am Strand. Darf man überhaupt unter solchen Bedingungen unbeschwerte Freude im Urlaub haben oder hat man das Gefühl, Feriengefühle seien deplatziert und zeugten nur von mangelnder Empathie?

Dass man sich diese Fragen stellt, zeigt, dass wir fühlende Menschen sind, die sich Gedanken um andere machen. Und doch sind diese Fragen auch widersinnig. Jeden Tag passiert zu jeder Zeit irgendwo auf der Welt irgendwas und wenn man immer mitfühlen würde, tagelang schockiert sein würde, und sich davon aus seinem Leben reißen lassen würde, hätte man rasch keine Freude am Leben mehr. Gerade durch die Medien und das Internet erscheinen einem Ereignisse immer sehr nah. Dessen muss man sich bewusst sein. Früher war der Kreis, in dessen Radius die Leute (positive wie negative) Ereignisse mitbekommen haben, einfach viel kleiner als heute, wo alles innerhalb kürzester Zeit, ja immer häufiger zeitgleich, präsent ist. Doch man darf nicht alles zu nah an sich heranlassen, sonst wird man von dem negativen Sog verschluckt.

Und wollen die Attentäter nicht genau das? Ein Gefühl der allgegenwärtigen Angst verursachen, eine Gesellschaft, die nicht mehr Spaß haben kann und in Ruhe in Ferien fahren kann, um sich zu erholen. Lebensfreude, Genießen, neue Sachen entdecken sind durchaus Grundpfeiler der westlichen Gesellschaften und kennzeichnen deren Stil. Das will der IS und seine Anhänger, auch wenn sie einzeln handeln, bekämpfen und ein Klima der Angst erzeugen, in dem all das erstickt wird.

Wobei mir auch bewusst ist, dass man hier nicht von den Attentäter sprechen kann, da man nicht alle über einen Kamm scheren kann. Hier beziehe ich mich eher nicht auf Einzeltaten von singulären Tätern, die in der Tat offensichtlich ein Ventil für alles negative Angestaute sehen, wie bei dem Fall in München, sondern auf den systematischen Terror, den zum Beispiel der IS als Strategie verfolgt und nach dessen Kriterien er Anschläge verübt und für sich deklariert.

Diesen Menschen spielen natürlich auch die singulären Anschläge, die eigentlich nicht auf deren Konto gehen, in die Hände. Weil sie möchten, dass sich die Leute grundsätzlich am Strand nicht mehr sicher fühlen, sich Gedanken machen, ob der nächste Wochenendtrip nach München gehen muss oder ob man nicht besser Großstädte meidet – aber nein, Ansbach ist doch auch ein kleines Nest -, und von Regionalbahnen und Einkaufszentren sollten wir uns in nächster Zeit wohl auch besser fernhalten?

Wer in diese Gedankenspirale fällt, handelt menschlich und durchaus natürlich – der Mensch will Risiken vermeiden – aber er sorgt auch dafür, dass die Strategie des Terrors aufgeht. Informieren, mitfühlen, zulassen, dass die Nachrichten einen schockieren, sich aller Facetten bewusst werden – und dann trotz Terror (und das meine ich wörtlich: Dem Terror und den Attentätern zum Trotz) in Ruhe den Urlaub genießen, das ist meiner Meinung nach die beste Strategie gegen den Terror.

In oder Out? Großbritannien vor dem EU-Referendum

Es ist das absolut beherrschende Thema in den britischen Medien: Sollen die Briten die Europäische Union verlassen oder entscheiden sie sich am 23. Juni dafür, weiterhin Teil von Europa zu sein?

Die Fronten sind verhärtet: Anhänger der Leave oder Remain-Kampagne haben sich in den jüngst ausgetragenen Fernsehduellen beschimpft. Die Zeitungen sind voll mit Meinungsbeiträgen, Fernsehteams rücken aufs Land aus, um zu erfahren, was die Briten wirklich denken. Die Bürger der Insel stehen vor einer historischen Wahl, die nicht nur ihr Leben, sondern auch das des europäischen Festlandes oder sogar der Welt verändern könnte.

Die wichtigsten Themen, um die die Briten streiten, sind Wirtschaft, Immigration und Sicherheit. Die Pro-Europäer behaupten, dass Großbritannien seine Sicherheit nur gewährleisten kann, wenn es Teil der EU bleibt: „Intelligence-sharing systems within the EU are vital to keeping this country safe“, behaupteten Premierminister David Cameron und Home Secretary Theresa May laut der Tageszeitung „The Daily Telegraph“.

Ohne die EU sei Großbritannien bei der Terrorbekämpfung besser dran

Die Anhänger der Leave-Kampagne widerum behaupten, dass Großbritannien Terror besser bekämpfen kann, wenn es aus der EU austritt. Die Europäische Union sei eher „driven by those who see institutions appropriating power, rather than people doing the job in hand“, schreibt Security Minister John Hayes in einem Gastbeitrag im „The Daily Telegraph“. Und weiter: Die EU sei „too rigid to deal with the pan-national terrorist threat.“

Niemand weiß, was passieren wird, wenn Großbritannien aus der EU austritt – und welche Auswirkungen das auf die Wirtschaft hat. Die Ratingsagentur Standard & Poor’s kündigte an, das Land herunterstufen zu wollen, sollte es für den Austritt stimmen. „There is no clear Plan B in the UK and we are not going to wait until we find out what the British position actually is“, zitiert die Tageszeitung Moritz Kraemer von der Ratingagentur. Aktuell besitzt das Königreich die Bestbewertung: AAA. Doch auch die EU könnte schlechter bewertet werden, schließlich verliert sie eines der best zahlenden Mitglieder, warnt Standard & Poor’s.

Noch hängen sie einträchtig nebeneinander: Die Flagge der Europäischen Union neben der britischen. Dazwischen die schottische, denn das Bild wurde vor dem schottischen Parlament in Edinburgh aufgenommen.
Noch hängen sie einträchtig nebeneinander: Die Flagge der Europäischen Union neben der britischen. Dazwischen die schottische, denn das Bild wurde vor dem schottischen Parlament in Edinburgh aufgenommen.

Sowieso: Das liebe Geld. Seit Margaret Thatcher den „Briten-Rabatt“ ausgehandelt hat („I want my money back“), ist Großbritannien nicht wohl bei dem Gedanken, so viel Geld an die EU zu überweisen. Das nutzen die Anhänger der Leave-Kampagne weidlich aus. In TV-Werbespots erklären sie, dass Großbritannien pro Woche 350 Millionen Pfundan die EU überweist – und sie fordern, dass Geld lieber in neue Krankenhäuser und generell in die Gesundheitsversorgung zu stecken. „Take back control“, ist ihr Slogan. „That is cold hard cash that belongs to the people of this country that is sent back every year, every week, to Brussels“, schürt Londons Ex-Bürgermeister und prominentestes Gesicht der Leave-Kampagne, Boris Johnson, das Feuer. Er war sich in einer der jüngsten Fernsehdebatten sicher, dass „Britain would propser as never before“, sollte es die EU verlassen. Johnsons Gegner werfen ihm vor, den Brexit nur für seine eigene Karriere nutzen zu wollen und auf den Posten des Premier Ministers zu schielen.

Nein-Sager wählen eher mit „passion“

Und die Bürger? Viele sind verunsichert und wissen nicht genau, welchen Zahlen und Szenarien sie Glauben schenken sollen. Andere wiederum haben sich ihre Meinung schon längst gebildet. Eine Zufallsbegegnung im Cafe in den schottischen West Highlands, bei Tee und  Scones kommt man ins Gespräch. Ein junger Angestellter im öffentlichen Dienst aus London ist zurzeit auf Dienstreise und nutzt einen halben freien Tag, um ein wenig Sightseeing zu betreiben. Bislang dachte er, dass seine Landsleute letztlich doch für einen Verbleib in der EU stimmen werden, erzählt er. Doch mittlerweile sei er sich da nicht sicher. Die Brexit-Befürworter würden einen intensiven Wahlkampf führen, die Nein-Sager würden „with passion“ wählen gehen. Im Gegensatz dazu die EU-Befürworter, sie führen einen Wahlkampf, der nur auf die negativen Konsequenzen eines Austritts gerichtet ist, statt die positiven Seiten der EU hervorzuheben, bemängelt der Londoner. Es scheint, als würden die Brexit-Befürworter ihre Wähler eher mobilisieren und emotional ansprechen können. Er wird auf jeden Fall für „Remain“ wählen, sagt er.

Grundsätzlich sind die Schotten eher pro-europäisch eingestellt. Sie haben sich ja vor zwei Jahren in einem eigenen Referendum für ihren Verbleib im Vereinigten Königreich entschieden – und somit auch für den Verbleib in der Europäischen Union. In Umfragen bestätigt sich der Trend: 51 Prozent der Schotten haben sich laut einer Umfrage der internationalen Agentur TNS für den Verbleib in der EU ausgesprochen, nur 21 Prozent waren dagegen. Wenn Großbritannien tatsächlich austreten würde, wäre das auf jeden Fall eins: Eine historische Zäsur in der Geschichte der Europäischen Union, die zu Konsequenzen und Umwälzungen führen würde, die wir heute noch gar nicht absehen können.

EEG-Reform: Schuss ins eigene Knie

Der Energiewende hatte Kanzlerin Angela Merkel nach dem Atomreaktor-Unglück in Fukushima 2011 höchste Priorität eingeräumt. Ausstieg aus der Atomkraft, mehr erneuerbare Energien – so war der Plan. Doch tut man der Energiewende einen Gefallen mit der neuen Reform?

Vergangenes Jahr war jede dritte Stunde Strom (31 Prozent) durch Wind, Sonne oder Biomasse erzeugt. 2014 waren es 26 Prozent, es wird also immer mehr. Gut so. Nur dass der Preis pro Stunde immer mehr ansteigt, seit 2000 kontinuierlich. Mittlerweile hat er sich im Schnitt verdoppelt, von knapp 13 Cent pro Kilowattstunde auf gut 26.

Seit dem Jahr also steigt der Strompreis, in dem das Erneuerbare-Energien-Gesetz beschlossen wurde. Das sollte den Ausbau von regenerativen Energien fördern – was es auch getan hat. Nun soll der Preis für Ökostrom durch den Markt geregelt werden. Ziel: Den Anstieg der EEG-Umlage und somit den Anstieg des Strompreises zu drosseln. Vorab wird demnächst ein gewisses Kontingent an Stommenge festgelegt. Wer neue Anlagen ans Netz bringen will, muss sie ausschreiben und erhält dann nicht mehr automatisch eine gesetzlich festgelegte Förderung. Sondern nur derjenige erhält den Zuschlag und somit die Förderung, der das niedrigste Gebot abgibt. So soll der Strom durch mehr Wettbewerb günstiger werden, das ist die Hoffnung der großen Koalition. Nur noch für kleinere Anlage in Privathänden soll es eine feste Förderzusage geben.

Ist mehr Wettbewerb immer automatisch gut?

Doch ob die Regierung der Energiewende damit einen Gefallen getan hat, bleibt abzuwarten. Wenn „der Markt“ alles regeln soll, fällt immer irgendwer hinten über. Hier fürchten kleinere Anlagen, beispielsweise in Hand von Bürgergenossenschaften, negative Konsequenzen. Kürzlich hatte ich mich mit einem Bürger-Windparkbetreiber aus der Eifel unterhalten. Er befürchtet, dass seine Anlagen demnächst nicht mehr rentabel sein können. Wer will sich dann daran beteiligen? Und um an Ausschreibungen teilzunehmen, müsse man Sicherheiten im sechsstelligen Bereich hinterlegen, sagt er. Wo sollen die herkommen? Dem Ausbau der Windkraft & Co. wird das nicht förderlich sein. Und war nicht genau das das Ziel? Greenpeace kritisiert die Reform: „Eine der bislang zentralen Erfolgsfaktoren für die Energiewende und ihre Akzeptanz in der Bevölkerung war das große Engagement der Bürgerinnen und Bürger“, schreibt die Organisation auf ihrer Webseite. „Die wird durch die Novellierung des EEG aufs Spiel gesetzt.“

Strom in Deutschland noch lange kein Luxusgut

Und überhaupt ist es jammern auf hohem Niveau. 26 Cent pro Kilowattstunde Strom ist keine gigantische Summe, die die Menschen in den Ruin treibt. Ich persönlich zahle knapp 20 Euro im Monat für Strom: Ökostrom! Und bei mir steckt unentwegt irgendein Gerät, sei es Tablet, Smartphone oder Kamera am Ladegerät. Und auch ich besitze ganz normal einen Kühlschrank, okay, dafür keinen Fernseher.

Von nichts kommt nunmal nichts, und von der Energiewende werden wir alle etwas haben, daher habe ich nichts dagegen, einen EEG-Aufschlag auf meinen Strom zu zahlen – wenn er zu einem Mehr an erneuerbaren Energien führt. Und das tut er doch. Ein Gesetz zu reformieren und an veränderte Entwicklungen anzupassen, ist per se ersteinmal etwas Gutes. Doch ich bleibe skeptisch, ob sich das Überstülpen von Marktmechanismen auf die Erneuerbare-Energien-Förderung positiv auswirkt, oder ob es den Ausbau nicht eher hemmen wird – oder nur den großen Konzernen mit riesigen Anlagen in die Hände spielt.

 

Der Kameracheck: Canon 100D mit 24mm Festbrennweite

Es war Zeit für eine neue Kamera. Bislang bin immer mit einer Nikon unterwegs gewesen. Die hat aber als Kameraseniorin immer mehr Macken gezeigt und so stellt sich die Frage: Mal einschicken und gegebenenfalls reparieren lassen oder direkt eine neue Kamera kaufen?

Ich entschied mich für letzteres: Es wurde eine Canon 100D, die kleine Schwester der 700D. Mit allen Features und Funktionen, nur viel leichter und kompakter (knapp 400 Gramm). Lediglich das ausklappbare Display fehlt, aber das kann ich verschmerzen. Alles andere ist da: Touch-Display, man kann damit filmen (allerdings ist der Fokus etwas langsam), alles in allem gewohnt gute Canon-Qualität. Das Experiment: Eine Festbrennweite. Die hat den Vorteil, dass die Blende weit aufgemacht werden kann und somit viel Licht durch die Linse fällt. So kann man auch bei schlechten Lichtverhältnissen noch viel rausholen, ohne sich dumm und dämlich zahlen zu müssen. Im Gegensatz zu lichtstarken Zoomobjektiven, die sehr viel kosten, da wird man ja arm von.

Weiterer Vorteil der großen Blende: Das Objekt kann man schön „freistellen“, wie es im Fotografensprech heißt. Also den Hintergrund unscharf werden lassen. Diese Effekt war mir besonders wichtig. So kommt noch jedes unscheinbare Blatt zur Geltung und die Fotos machen immer etwas her.

Ja, klar, der Nachteil der Festbrennweite ist, dass man sich festlegt. Ich habe mich für ein 24mm-Objektiv entschieden, also ein leichtes Weitwinkel. Zählt aber (wenn man die Brennweite mit dem Cropfaktor in Vollformat umrechnet) mit 38mm zu den Reportagebrennweiten. Porträts sind also ungünstig, aber Landschaften und Street-Szenen lassen sich damit gut einfangen. Und dennoch ist das Weitwinkel noch nicht so groß, dass es an den Rändern verzerrt. Nach den ersten Tests bin sowohl mit Kamera wie auch Festbrennweite zufrieden.

IMG_0606Die Festbrennweite ist lichtstark und mit der Blende 2,8 kann man den Hintergrund schön unscharf werden lassen. Allerdings darf man nicht zu nah an das Objekt herangehen (ist ja schließlich kein Makro), sonst wird alles unscharf. Autofokus funktioniert einwandfrei, doch der manuelle Fokus ist laut! Das Objektiv gab es zu dem Preis nur mit STM (Stepping Motor Technologie), also Schrittmotor, statt mit einem USM (Ultraschallmotor). Als ich mir Testberichte durchgelesen habe, und es hieß der Motor hört sich an wie ein verendendes Tier, wollte ich das nicht glauben und habe es als Scherz abgetan. Doch genauso klingt es. Es röhrt und jault….aber es funktioniert einwandfrei, und das ist schließlich die Hauptsache.

Positiv auffallen werden einem auch die Maße des Objektivs: Es heißt nicht umsonst „Pancake“. Ungefähr 150 Gramm leicht, knapp 6 Zentimeter Durchmesser und knapp über 2 Zentimeter Breite. Nicht schlecht im Vergleich zu anderen Monsterobjektiven, für die man einen Extra-Träger engagieren muss, der die riesigen und schweren Teile schleppt. Also ideal für den Urlaub, das Pancake-Objektiv. Und kombiniert mit der kleineren und leichten Canon 100D sowieso.

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Von heimatlosen Medien und ausgehungerten Trollen

Zuerst eine Warnung an alle LeserInnen: Dieser Artikel enthält nur Text und ein Bild. Kein Video, kein Storify, kein embeddedes Snapchat. Und er ist auch einen Tag zu spät, ganze 24 Stunden – Äonen in der digitalen Welt.

Aber das hält mich nicht davon ab, einfach zu rekapitulieren, was ich gestern vom Frankfurter Tag des Online Journalismus mitgenommen habe. Einfach so heruntergeschrieben, für mich. Ganz analog.

Die Veranstaltung war sehr spannend und hat eins gezeigt: Linear ist tot. Statisch ist tot. Trolle sind (endlich) tot. Alle waren sich einig: Lineare mediale Angebote, wie es sie bislang gab, beispielsweise im Fernsehen, wird es in naher Zukunft nicht mehr geben. Alles ist im Flow, ist in kleine Stücke zerlegt, die sich der User je nach Bedarf und Lust heranholt und „konsumiert“. Kleine, kurze Videos, die Aufmerksamkeitsspanne der Nutzer ist nicht groß.

Alle (mittlerweile nicht mehr ganz so) neuen Tools wie Snapchat und Youtube bedienen genau diese Häppchenmentalität. Doch man darf nicht den Fehler machen, daraus abzuleiten, dass alles seichte Unterhaltung sein muss. Für die jungen Leute, die eh keine Ahnung haben?! Höchste journalistische Qualität ist dennoch gefragt, auch die ach so Jungen sind nicht blöd, sie wollen auch Infos – nur anders aufbereitet als früher.

Nichts ist wichtiger als die Community

Und sie wollen sich als Teil einer Community fühlen. Das ist der große Erfolg von den bekannten Youtubern von LeFloid und wie sie alle heißen, aber auch von den Social Media Kanälen der großen Marken. „Die Welt“ ist ein Beispiel, wie man mit Geduld und Humor nervige Trolle von den Seiten vertreiben kann und eine Community entstehen lassen kann. Die wächst, wird gehegt und gepflegt. Das trägt zur Markenbindung bei und schlägt sich (hoffentlich, denn das darf man ja nicht außer Acht lassen) zur „Monetarisierung“ bei (was für ein herrliches Wort….).

Konkret wollte Niddal Salah-Eldin, Chefin des Social Media Teams der Welt, nicht darauf eingehen, aber diese Vorsicht kann man verzeihen. Die Zuwächse an Fanzahlen und Zugriffsraten machen auf jeden Fall neidisch. Diese „Kenne-deine-Community-und-binde-sie-an-dich“-Strategie sieht man auch bei Edition F. Der Frauenblog schaut genau hin: Was wollen meine Userinnen lesen, was bewegt sie? Da wird ganz gezielt darauf hingearbeitet: Mit enormem Erfolg.

Das Ohr ganz nah „bei de Leut“

Auch bei den „klassischen“ Tageszeitungen wird das Social Web immer wichtiger. Es wird immer wichtiger für RedakteurInnen, ihr Ohr ganz nah an der Community zu haben. Um sich nichts entgehen zu lassen, entwickelt die Rheinische Post aus Düsseldorf derzeit ein „Listening Center“, ein Tool, um die sozialen Netzwerke zu analysieren und nach Schlagwörtern zu durchforsten. Hat man Themen identifiziert, werden die an RedakteurInnen weitergeleitet, die daraus Storys stricken. Sowieso zieht man demnächst noch viel mehr aus Facebook, Twitter, Instagram und Co. Es gibt bereits Medien, die ihre Homepage abgeschafft haben, sie sind „homeless“. Wozu noch eine Anlaufstelle haben? Die News sollen dorthin, wo auch die User sind: Wer sich den ganzen Tag bei Facebook rumtreibt, wird dort beliefert, wer viel twittert, geht eher hierüber. Alle Inhalte zugeschnitten auf den Kanal.

Crossmedia? Tot oder lebendig?

Ach ja, dieses Crossmedia ist wohl doch nicht tot, sondern wird eher immer wichtiger. Andere Medien hingegen sind tatsächlich wieder auf dem Rückzug mit der Crossmedialität. Die Überschneidung der Nutzer zwischen der Printausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und ihrer Onlineversion beträgt gerade mal 10 Prozent. Verweise zwischen den beiden Medien, die im Grunde entkoppelt sind, gibt es kaum. Wie also soll man es richtig machen?

Ein Patentrezept, wie man mit dem viel beschworenen digitalen Wandel umgehen soll, hat bislang kein Medium. Alle probieren, manche mit größerem Erfolg, manche mit weniger großem. Trial and error. Weiter geht’s.

Wer mehr zur Veranstaltung wissen will, ist beim Blog vom HR richtig.

Schuhe im Social Web – wie sich Frauen auf Facebook bewegen

Sandra Staub ist Social-Media-Frau. So nennt sich die 32-jährige Münchenerin. Die Bloggerin und Autorin arbeitet unter anderem als Beraterin und hat vor kurzem ein Buch herausgebracht: „Facebook für Frauen“. Ich habe sie auf der Karrieremesse Women&Work im alten Bundestag in Bonn getroffen.

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Sandra Staub ist nicht zu übersehen: Sie überragt die meisten Messebesucherinnen um eine Kopflänge, das rote Haar leuchtet, die Hände gestikulieren wild herum. Die Social-Media-Expertin hat ihr Zelt auf der Women&Work aufgeschlagen, der Karrieremesse für Frauen, die jedes Jahr in Bonn stattfindet. Tausende Frauen möchten hier den richtigen Impuls für ihre Karriere bekommen, Gleichgesinnte kennenlernen oder sich einfach nur mal umschauen. Sich einfach nur mal umgucken: Das tun auch Arbeitgeber, wenn sie eine Bewerbungsmappe vor sich liegen haben – und das immer öfter im Netz und in den sozialen Medien.

Sandra Staub kennt das, die Beraterin hat gerade ein Buch herausgebracht: „Facebook für Frauen“ ist ein Ratgeber, wie sich die weibliche Hälfte der Menschheit im größten Netzwerk der Welt bewegen soll. Doch verhalten sich Frauen auf Facebook überhaupt anders als Männer? „Frauen nutzen eine weiblichere Sprache, sie nutzen emotionalere Worte als Männer“, erklärt Staub. Männer posteten gerne einfach nur einen Status, Frauen nutzten hingegen gefühlsgeladenere Wörter, um ihr Befinden auszudrücken. Das kann in gewissen Situationen ein Nacheil sein: „Frauen haben beispielsweise häufig nicht das Vokabular, um ein technisches Problem zu äußern“, hat Staub beobachtet. Frauen hätten sowieso „keine Zeit und keinen Bock auf langwierige Beschreibungen“, schon gar nicht technischer Art. Grundsätzlich gilt: Wer beruflich bei Facebook ist, sollte auch und vor allem sein privates Profil auf Vordermann bringen, sich in den richtigen Gruppen organisieren und sich dann erst um das geschäftliche Profil kümmern. „Außerdem muss die Privatsphäre richtig eingestellt sein“, betont die 32-jährige Social-Media-Beraterin. Gerade einmal knapp mehr als ein Drittel, nämlich 37 Prozent der Facebookuser hätten die Einstellungen vorgenommen – verschenkte Daten in Sandra Staubs Augen.

Sehr wichtig ist auch das Profilbild: „Die Augen müssen gut zu sehen sein“, erklärt Staub, denn Menschen würden einander am Gesicht erkennen: Der Blick fokussiert sich auf Augen, Ohren, Kinn und Nase. Eine zentrale Rolle spielt laut Staub auch, wie authentisch man im Social Web ist: „Man soll sich nicht hinter einem digitalen Profil verstecken.“ Es fange damit an, dass man weiß, wer man sei. „Man soll so echt sein wie man morgens vor dem Spiegel geht“, rät sie. Dann klappt das mit dem Erfolg auf Facebook auch von allein. Und dann kann frau auch mal was über ihre neuen Schuhe posten: „Karrierekiller?“ Sandra Staub ist regelrecht entsetzt, man könne so etwas denken: „Beruflich über Schuhe zu posten wäre doch kein Karrierekiller!“

Alle lieben Bülent

Bülent Ceylan ist der vielleicht erfolgreichste Comedian zurzeit in Deutschland. Er füllt neben ganzen Arenen die Lücke, die Kaya Yanar hinterlassen hat. Yanar war der erste Comedian, der schamlos (und häufig politisch unkorrekt, aber immer mutig) kulturelle Befindlichkeiten der Türken und der Deutschen aufgezeigt hat. Auch Bülent Ceylan hat als großes Thema Sprache und Kultur. Er legt aber viel mehr Wert auf ernsthafte Botschaften: Kampf gegen Rassismus und für Toleranz schreibt er sich auf die Fahne.

Es sind die Haare: Sie sind das Geheimnis von Bülent Ceylan. Wie er mit ihnen spielt, sie in seine Gags einbaut oder mit ihnen rockt. „Haardrock“ heißt dann auch die aktuelle Tour des Comedians. Ceylan beginnt seine Show mit einem Donnerschlag: Futuristische Lichteffekte erhellen den Saal, das Publikum reißt es bereits nach wenigen Sekunden von den Sitzen. Regionale Besonderheiten von Sprache und kulturelle Eigenheiten von Menschen aufs Korn zu nehmen, ist die Spezialität des Comedians. Gnadenlos macht er sich über Dialekte lustig: Da führt er schon mal ein komplettes Beziehungsgespräch mit „Ossi“-Akzent („Der Dialekt ist brutal, da kann einer aussehen wie Brad Pitt!“). Ceylan selbst kokettiert stark damit, mannemerisch zu „babbeln“. Auch nimmt er die deutsche Sprache unter die Lupe und klamüsert Sprichwörter aus: „Weniger ist mehr. Das stimmt gar nicht: Weniger ist immer weniger – ich hab’ nachgezählt.“

Interkulturelle Witze

Der 38-Jährige, der 2012 mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet wurde, zeigt gern interkulturelle Unterschiede zwischen den Völkern auf und entlarvt die jeweiligen Befindlichkeiten: „Letztens war ich beim Urologen. Aber da bin ich ganz Osmane. Überall Probleme – nur unten nicht.“ Weiter geht es durch den Abend: Ceylan analysiert die Beziehung zwischen Männer und Frauen – ein klischeereicher Klassiker! – und erzählt davon, wie es ist, als kleiner Junge von einem türkischen Vater aufgeklärt zu werden – Sensibilität darf hier nicht erwartet werden. Bei all dem bezieht Ceylan gern das Publikum in seine Show ein. Zwischendurch schlüpft der Comedian auch in seine altbekannten Rollen und lässt das verschüchterte Sensibelchen Harald zu Wort kommen.

Verschiedene Charaktere als Markenzeichen

Als Kontrast dazu gibt es „Supertürk“ Hasan, Ceylans Version eines türkischen muskelbepackten Prolls. Hasan steht auf Frauen mit Charakter: „Alles andere kann man operieren.“ Ceylan erscheint auch als pelzbehangene Etepetete-Diva Anneliese auf der Bühne (hier fehlt nur noch der kleine Chihuahua als modisches Accessoire) und als knurriger, rassistischer Hausmeister Mompfred – eine Mischung aus Hitler und Gollum, dem sabbernden Monster aus Herr der Ringe. Aber beim Thema Fremdenfeindlichkeit hört der Spaß auf, die Zuschauer hören auf einmal ernste Töne von Ceylan. „Ich möchte ein Statement setzen“, sagt er und beendet den Abend mit einem rockigen Lied gegen Nazis und für Toleranz. Die Show endet mit einem Feuerwerk, Luftschlangen regnen von der Decke hinab. Tosender Applaus begleitet Ceylan von der Bühne.

Tour de Amazon

Der erste Advent naht – Einkaufszentren und Händler rüsten sich für die Besucher, die ihren Liebsten viele tolle Geschenke unter den Baum legen möchten. Auch der Internetriese Amazon bringt sich in Stellung: Die Logistikzentren werden personell aufgerüstet, die Adventsrabattangebote sind angelaufen. Die Zahlen sehen gut aus, das Weihnachtsgeschäft brummt. Was ist geblieben von der vielen Kritik am Onlinehändler?

Prognosen abgeben möchte der Pressesprecher nicht, aber es wäre verwunderlich, wenn Volumen und Umsatz des Marktführers nicht auch dieses Jahr steigen würden. Es ist aber auch so einfach: Mit einigen wenigen Klicks die komplette Geschenkpalette bestellen. Auch nach der ARD-Dokumentation, die im Februar vergangenen Jahres zu einer großen Welle der Empörung geführt hat, kaufen die Leute wie verrückt bei Amazon ein. Aus den Augen, aus dem Sinn? Heißt es nach einem heftigen Sturm der Entrüstung „business as usual“? Wie ist es denn nun mit den Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter? Sind sie letztendlich nicht so schlecht wie im Film dargestellt?

Mitte November, Logistikzentrum Koblenz: Pressesprecher Stefan Rupp und der stellvertretende Niederlassungsleiter Nikolai Lisac begrüßen die Medienvertreter. Auf dem Plan steht eine Tour durch die Werkhalle. An der Wand im Konferenzraum stehen die „goldenen Regeln“: „Know your plan“ und „nail your plan“. Es erinnert an „yes, we can“: Motivationsstrategie auf amerikanisch. Schnittchen und Saft steht bereit. Die schicken Pressemappen mit USB-Stick und Visitenkarte sind schon ausgelegt. Es geht los mit einem Vortrag, klassischerweise Powerpoint: Es werden Erfolgszahlen präsentiert, auch auf die Arbeitsbedingungen und Fortbildungschancen der Mitarbeiter wird detailliert eingegangen. Wussten Sie, dass Amazon-Mitarbeiter nach dem zweiten Jahr Aktien erhalten? Dass Lagerhallen normalerweise nicht klimatisiert sind, aber Amazon sommers wie winters die Temperatur auf 21 bis 22 Grad hält?

Das Gehalt und die befristeten Arbeitsverträge sind die am meisten kritisierten Punkte bei dem Internetgiganten. Bei Amazon in Koblenz steigt man mit einem Gehalt von 10,11 Euro ein (Saisonmitarbeiter verdienen laut Amazon übrigens das gleiche wie die Festangestellten). Andernorts kann es auch schonmal 9,75 Euro sein. Man könnte sich jetzt darüber streiten, ob das ein angemessener Gegenwert für eine Tätigkeit ist, bei der man acht Stunden lang Regale einräumt, Sachen durch die Gegend fährt oder Pakete packt. Es liegt zumindest oberhalb des Mindestlohns. Man sollte auch bedenken, dass man für diese Arbeit keinerlei Vorerfahrungen braucht (Amazon gibt an, dass man innerhalb innerhalb von vier Tagen eingearbeitet ist), auch ungelernte Arbeitskräfte erhalten somit eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. 50% der Mitarbeiter, die am Standort Koblenz angefangen haben, seien aus der Arbeitslosigkeit gekommen, so der Pressesprecher. Bei 300 Leuten, die gestartet sind, wären das 150 Menschen, denen Amazon eine neue Chance gegeben hat. Das könnte sich in der Tat sehen lassen. Wenn einem da nur nicht die Diskussionen einfallen würde, die vor einigen Jahren in den Medien geführt wurde: Amazon wurde damals nachgesagt, Arbeitslose zu beschäftigen, deren Gehalt von der Agentur für Arbeit gezahlt wurde. Nach Ablauf der Maßnahme seien die Arbeiter, statt in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernommen zu werden, „entlassen“ worden und es wurden angeblich einfach die nächsten eingestellt.

Moralische Verantwortung der Unternehmer?

Auch weniger schön ist, dass viele Verträge unbefristet sind. Bei Amazon arbeiten neben unbefristeten Mitarbeitern und den klassischen Saisonkräften, die meist für Weihnachten eingestellt werden, auch das ganze Jahr über unbefristete Kräfte. Zahlen möchte das Unternehmen (verständlicherweise) nicht nennen. „Alles im Rahmen des Gesetzlichen“, bestätigt der Pressesprecher. Aber muss man alles ausreizen, nur weil es legal ist? Gibt es eine moralische Verpflichtung zur Entfristung? Diese Frage wirft der Pressesprecher in den Raum. Man sieht ihm an, dass er für sich die Antwort festgelegt hat. Doch wie würde man selbst darauf antworten: Haben Unternehmen eine moralische Verantwortung?

Früher bauten die Unternehmer Häuser für ihre Mitarbeiter, wie beispielsweise die Familie des Papierunternehmers Zanders in Bergisch Gladbach oder die stahlverarbeitende Krupp-Dynastie in Essen. Selbstverständlich war diese Maßnahme nicht uneigennützig, aber das verlangt ja auch niemand von Unternehmen. Es war eine klassische „Win-win“-Situation, wie es im Neudeutschen so schön heißt: Die Arbeiter hatten ein warmes Dach über dem Kopf, die Unternehmen gesunde und loyale Arbeitskräfte. Doch kann ein so riesiges, weltumspannendes Unternehmen wie Amazon überhaupt die Bedürfnisse eines einzelnen Mitarbeiters im Blick haben? Professionalisierung und Automatisierung machen individuelle Lösungen schwer.
Fakt ist auch, dass Amazon nicht das einzige Unternehmen ist, das mit in Verruf geratenen Befristungs-Praktiken arbeitet: In der Logistikbranche ist dies gang und gebe. Auch Deutsche Post DHL steht in schöner Regelmäßigkeit am Pranger. Im Sommer ging ein Fall durch die Medien, in dem der Vertrag eine Mitarbeiterin angeblich 88-Mal verlängert worden war.

Der Pionier: Eine Gummibärchentüte

Zurück im Logistikzentrum Koblenz. Die Führung hat angefangen. Vorweg weist der stellvertretende Niederlassungsleiter den Weg, es folgen vier Medienvertreter und der Pressesprecher, flankiert wird die Truppe von einer Assistentin. Auf vier Medienvertreter kommen drei Amazon-Vertreter, macht eine Quote von 0,75 PR-Mensch auf Pressemensch. Eine recht hohe Quote.
Das kleine Grüppchen geht von einer riesigen Halle zur nächsten. Förderbänder, auf denen die Ware ausgepackt wird, Regalreihen, in denen die Ware wieder einsortiert wird, Arbeitsplätze, an denen Menschen sitzen oder stehen und Pakete packen. Die Böden sind mit farbigen Linien markiert und aufgeteilt, die Besucher lernen: Blau bedeutet – sicheres Terrain für Fußgänger. Es könnte sonst ein Gabelstapler um die Ecke gesaust kommen. Die Mitarbeiter grüßen freundlich, schauen interessiert. Gehetzt wirkt keiner, es trödelt aber auch niemand. Der stellvertretende Niederlassungsleiter führt durch die Halle, auf seiner Weste steht: „Teamleitung. Frage mich!“ Immer wieder sieht man Wände mit angepinnten Verbesserungsvorschlägen, stolz erzählt der Amazon-Manager davon, wie die Mitarbeiter mithelfen, Arbeitsläufe zu optimieren. In den Regalreihen: Spielzeug, DVDs, Niveashampoo neben Monopoly, Haustier Tracking Module neben Badmintonschläger. Es gibt tatsächlich alles bei Amazon. Lustigerweise war das erste Produkt, was das Koblenzer Zentrum verschickt hat, eine Gummibärchentüte. Die „Picker“, die Mitarbeiter, die die bestellten Produkte aus den Regalen nehmen wuseln emsig durch die Gassen. Weiter geht es zu den Verpackungsstationen, wo Arbeiter geübt Sachen einpacken, scannen, aufs Band legen.

Man selber möchte so nicht arbeiten, das wird einem nach dem Rundgang klar. Den ganzen Tag die gleiche Tätigkeit ausführen, keine Abwechslung zu haben. Aber diese Tätigkeit als jemand zu machen, der auf dem Arbeitsmarkt weniger gute Chancen hat und dann am Ende des Monats mit knapp 2000 brutto rauskommt – das ist nicht das allerschlechteste. Die Befristung wäre eher anzuprangern, weil Leute so nicht ihr Leben planen können. Oder dass Internetriesen wie Amazon den Einzelhandel ausbooten und Innenstädte veröden lassen, das wiegt viel gravierender. Letztendlich muss jeder Kunde selber entscheiden: Will man dieses System unterstützen, will man bequem mit einem Klick alle Weihnachtsgeschenke beisammen haben – mit allen negativen Konsequenzen, die das möglicherweise für die Arbeiter bedeutet? Deutet man die Entwicklung einfach als Zeitgeist, Fortschritt, Konsequenz der Globalisierung? Oder wendet man mehr Zeit und Mühe auf, um ein anderes System zu fördern, das möglicherwiese veraltet und überholt ist und was man nur noch um seiner selbst Willen am Leben erhält? Doch es ist nicht nur eine theoretische Frage, sondern man muss sich auch praktische Gedanken machen: Hat man als Kunde überhaupt die Zeit, sich am Abend oder am Wochenende mit anderen Weihnachtsgeschenkjägern durch überfüllte Innenstädte zu quälen? Oder aber möchte man sich beraten lassen und sucht den Kontakt zu Menschen, statt sich nur mit einem virtuellen Warenkorb zu befassen? Es ist für jeden Kunden was dabei, solange man sich bewusst entscheidet.

Mitte November war ich für die Rhein-Zeitung im Amazon Logistikzentrum Koblenz. Der Besuch war Teil einer Recherche, wie sich Händler auf das Weihnachtsgeschäft vorbereiten. Hier verarbeite ich meine persönlichen Eindrücke.

Kampf gegen die biologische Uhr – Trend Social freezing

Facebook tut’s, Apple zieht nach: Die Firmen bereiten ihren weiblichen Mitarbeiterinnen das Angebot, Eizellen einfrieren zu lassen. Im Gegenzug verzichten die Frauen in den nächsten fünfzehn Jahren darauf, Kinder zu bekommen. Die Diskussion um das Thema nimmt an Fahrt auf: Der Spiegel und die Zeit druckten persönliche Berichte von Frauen, die sich bereits Eizellen einfrieren haben lassen, heute diskutiert die Runde bei Günther Jauch über das Thema.

Der Vorteil liegt auf der Hand: Frauen können viel flexibler mit ihrer tickenden biologischen Uhr umgehen, man kann über die Elternzeit „frei und selbstbestimmt“ entscheiden und diese dementsprechend planen. Aber was macht das mit dem Kinderwunsch? Kinderkriegen würde der Wirtschaft untergeordnet, bemängelt der Wissenschaftsjournalist Rangar Yogeshwar in der Talkrunde bei Jauch.

Aber kein Wunder – solange Beruf und Karriere mit der Gründung einer Familie schwer vereinbar ist, sind solche Angebote verlockend. Flexible Teilzeitmodelle, je nach Bedürfnis der Eltern, sind immer noch häufig schwer durchzusetzen beim Arbeitgeber. Und auch solange der jeweilige Elternteil (meist sind es Frauen) nach der Teilzeitarbeit immer noch befürchten müssen, schwer wieder Fuß zu fassen im Arbeitsmarkt, kann man die Gründe der Frauen, die sich für das Social Freezing entscheiden, nachvollziehen.

Zeit-Redakteurin Elisabeth Niejahr, die in der Zeit über ihre Erfahrungen beim Einfrieren geschrieben hat, mahnt auch an, dass die fortschrittlichen Möglichkeiten nicht immer zur persönlichen Freiheit beitragen. Denn folgendes Szenario wäre denkbar: Social Freezing wird irgendwann so normal, dass man es von Frauen erwartet und sich auch darauf verlässt, möglicherweise entsteht daraus gesellschaftlicher oder persönlicher Druck.

Meine Meinung: Wo liegt letztendlich der Unterschied zwischen dem Einfrieren von Eizellen und beispielsweise der Einnahme der Pille? In beiden Fällen manipuliert der Mensch den natürlichen Zeugungsakt und unterwirft ihn seinen Wünschen und Vorstellungen. Das Argument, dass man die Zeugung künstlichen Parametern unterwirft, ist doch in unserer ach so fortschrittlichen Welt nichts Neues. Denn was ist schon natürlich? Wenn eine Person herzkrank ist und ein neues Herz eingepflanzt bekommt: Ist das natürlich? Niemand würde doch behaupten, dass dem herzkranken Menschen nicht geholfen werden soll, nur weil eine Organtransplantation kein natürlicher Prozess ist. Insofern trägt die Aufregung über dieses Thema durchaus heuchlerische Züge. Ranga Yogeshwar sieht den Unterschied zwischen Pille und Social Freezing lediglich darin, dass die Pille viel günstiger und sicherer ist. Er bemängelt, dass daraus ein riesen Geschäft werden könnte. Stimmt, das Potenzial zum Missbrauch ist groß. Allerdings kann das alleine noch kein Argument sein.

Recht hat der Journalist allerdings damit, dass man niemals leichtfertig mit diesem Thema umgehen sollte und dass man so intime und persönliche Entscheidungen niemals der „Wirtschaftlichkeit“ bzw. der Wirtschaft unterordnen sollte. Das Beste wäre einfach: An der Vereinbarung von Kinderwunsch und Beruf arbeiten, mehr flexible Arbeitsmodelle, reduzierte Elternzeiten wie in Skandinavien auch hier einführen, damit sich auch junge Paar für ein Kind entscheiden, ohne Angst um ihre Karriere zu haben. Dann wäre auch die Diskussion um Social Freezing überflüssig.

 

Fahrradhelm? Nicht nötig!

Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe hat geurteilt: Es kommt keine Helmpflicht für Fahrradfahrer. Unfallopfer erhalten die volle Entschädigung.

Ein Fahrrad an einer Gracht in Amsterdam: Die Niederländer sind Fahrrad-Weltmeister. Dort sind die meisten Menschen ohne Helm unterwegs.
Ein Fahrrad an einer Gracht in Amsterdam: Die Niederländer sind Fahrrad-Weltmeister. Dort sind die meisten Menschen ohne Helm unterwegs.

Die Spekulationen schossen in den letzten Tagen ins Kraut: Kommt „durch die Hintertür“ die Helmpflicht für Fahrradfahrer? „Spannung vor BGH-Urteil“ schrieb der Stern Online. Und es ist tatsächlich eine Frage, die die Gemüter bewegt. Häufig ist es  eine Frage der Ideologie: Auf der einen Seite die einen, die die Sicherheit und Gesundheit hochhalten und ihnen alles unterordnen wollen, auf der anderen Seite die anderen, die auf ihre persönliche Freiheit pochen.

Der Fall machte Schlagzeilen: Eine Fahrradfahrerin in Flensburg war auf dem Weg zur Arbeit, als sie über eine sich öffnende Autotür stürzte und mit dem Hinterkopf auf dem Boden aufschlug. Schädelbruch, Blutungen und Hirnquetschungen waren die Folge. Die Versicherungen wollte anfangs nicht die volle Versicherungssumme zahlen: Die Fahrradfahrerin hätte eine Teilschuld, da sie keinen Helm trug.

Der Fall landete vor dem Bundesgerichtshof. Der urteilte heute: Der Geschädigten steht die volle Summe zu. Das Gericht bestätigte, dass sich die Fahrradfahrer in Deutschland entscheiden können, ob sie einen Helm tragen wollen oder nicht. Es wird auch in Zukunft keine Helmpflicht geben.

Das Manager Magazin zitiert den Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) wie auch den Verkehrsclub Deutschland (VCD), die sich „erfreut“ zeigen: „Wenn ein Radfahrer vollkommen unverschuldet Opfer eines Verkehrsunfalls wird, dann darf ihm niemand seine berechtigten Schadenersatzansprüche streitig machen – egal, ob mit oder ohne Helm gefahren wurde“, erklärte ADFC-Bundesgeschäftsführer Burkhard Stork. Auf Spiegel Online sagt Verkehrsminister Dobrindt: „Wir glauben, dass die Freiwilligkeit der richtige Weg ist.“

Viele Radfahrer, die im Helm eine lästige Kopfbedeckung sehen, werden aufatmen. Niemand schreibt ihnen vor, einen Kopfschutz aufzusetzen. Auf der anderen Seite sollte jedem Fahrradfahrer klar sein, dass man bei einem Unfall mit Helm viel bessere Chancen hat als ohne. Der beste Weg: Die Städte sicherer machen für Fahrradfahrer. Solange sich Fußgänger und Radfahrer einen schmalen Bürgersteug teilen müssen, solange Auto und Radfahrer nicht genügend Platz haben, um auszuweichen, wird es nach wie vor viele Unfälle geben.

Sicherheit für Radfahrer ist auch Priorität bei der „Fahrradhauptstadt 2020“. Das Projekt läuft zurzeit in Bonn, die ehemalige Bundeshauptstadt möchte die bestehenden Radwege optimieren, das Radnetz ausbauen, von Vorrangschaltungen für Radfahrer ist die Rede. Ob dieses Projekt in Bonn so weitergeführt wird, ist unklar: Bündnis ’90 / Die Grünen haben das in ihr Kommunalwahlprogramm geschrieben, die FDP Bonn lehnt dies ab. Im Falle einer Jamaika-Koalition im Bonner Stadtrat bleibt es auch für Radfahrer spannend.