Drei Prozent zu viel

Das Bundesverfassungsgericht hat die Drei-Prozent-Hürde bei der Wahl zum Europaparlament einkassiert. Kritiker befürchten eine Fragmentierung des Parlaments und erschwerte Arbeitsbedingungen.

In Europa ist es beinahe gefürchtet: Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat sich schon häufiger aktiv in die europäische Politik eingemischt. Das neuste Urteil: Es kippte vergangene Woche die Drei-Prozent-Hürde für die Wahl zum Europaparlament. Hintergrund: Die Wahlen zum Europaparlament werden von jedem Mitgliedstaat selbst geregelt. In Deutschland galt bis Ende 2011 die Fünf-Prozent-Hürde für die Europawahl (genau für die Bundestagswahl). Vor über zwei Jahren hatte das Gericht schon einmal entschieden, dass diese Hürde unzulässig ist. Nachdem die schwarz-gelbe Regierung die „5“ einfach durch eine „3“ ersetzt hatten, klagten unter anderem die „Piraten“ – mit Erfolg.

Ihre Begründung: Es gehen durch diese Hürde sehr viele Stimmen verloren. Und recht haben sie – laut „Welt“-Angaben „verschwanden“ bei der letzten Europawahl quasi 2,8 Millionen Wählerstimmen „ins Nirwana“. Eine enorm hohe Zahl, die das Urteil rechtfertigt. Es kann schließlich nicht sein, dass 2,8 Millionen Stimmen verloren gehen. Die „Welt“ rechnet vor, dass bei der letzten Wahl – wäre die Drei-Prozent-Hürde bereits damals abgeschafft worden – die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) mit knapp über 200.000 Stimmen einen Sitz im Parlament erhalten hätte. Und das wäre gut so gewesen, schließlich ist Europa und sind somit auch wir Deutsche so vielfältig, dass man nicht alle Wähler in das traditionelle Parteienschema stecken kann.

Sogar von „Rückschlag“ ist bei den europäischen Grünen die Rede

Die Kritiker, unter ihnen auch der Präsident des Europaparlaments Martin Schulz, monieren, dass dadurch die Zusammenarbeit erschwert und gemeinsame Positionen schwieriger gefunden werden, da das Parlament viel fragmentierter wird. Na und? Dann müssen sich die Parlamentarier zusammenraufen und mehr Energie in Kompromisse stecken. Die demokratische Legitimierung des Parlaments wird dieses Urteil stärken – leichter wird die Zusammenarbeit allerdings in der Tat nicht. Aber der leichte Weg ist nun einmal nicht immer der bessere.

Im neuen Tatort geht es um die Wurst

Der erste Tatort-Krimi mit Christian Ulmen und Nora Tschirner flimmerte an Weihnachten zur besten Fernsehzeit über den Bildschirm.

Das Jahr 2013 war eine Goldgrube für Tatort-Fans. Gleich drei neue Kommissar-Teams wurden eingeführt: Till Schweiger in Hamburg, das Duo Funck/Schaffert in Erfurt und nun Christian Ulmen als Kommissar Lessing und Nora Tschirner alias Kommissarin Kira Dorn. In den Medien wurde im Vorfeld die Rivalität zwischen dem Münsteraner und dem neuen Tatort aus Weimar beschworen. Eins vorneweg: Thiel und Boerne brauchen sich nicht zu verstecken. Mit reichlich flachen und albernen Witzen geht das neue Team an den Start.

Es geht um eine verschwundene Wurstfabrikantin in Weimar. Der hochschwangeren Kommissarin Kira Dorn wird ein neuer Kollege aus Hamburg zur Seite gestellt: Christian Ulmen spielt die Rolle des Kommissars Lessing, wie man ihn kennt – verpeilt, spontan, charmant unverblümt.

Nora Tschirner wurde vom Drehbuchautor allerdings mit zu viel des Guten bedacht: Ihre Figur geht dem Zuschauer nach einiger Zeit reichlich auf die Nerven mit ihren ironischen Bemerkungen. Fast möchte man feixen, als eine Beschuldigte die trostlose Schulzeit des ehemaligen hässlichen Entleins aufdeckt.

Es gibt aber auch ehrlich amüsante Szenen, beispielsweise als der Einsatzleiter nach der gespielten Geiselnahme seine Kollegen schilt: „Die Pizza war von Mykonos? Das nächste Mal kein Risiko eingehen, demnächst von Mario!“ Oder als Lessing halbherzig ausprobiert, ob er in den Kofferraum passt und sich ein saftiges „Nicht so halbschwanger, Lessing, mehr seitlich!“ von seiner Kollegin einfängt. Diese Szenen sind aber leider deutlich in der Minderzahl.

Verfolgungsjagd per Kutsche statt mit Auto: In Weimar ticken die Uhren eben noch anders

Weimar rückt mir dieser Ehre auf in den deutschen Fernseholymp. Allerdings sind die Produzenten selber unsicher, ob dieses Städtchen (knapp 66.000 Einwohner) das verdient hat. So wird Weimar den gesamten Film hindurch als provinziell dargestellt. Jeder kennt hier jeden und weiß auch alles über seine Mitmenschen. Das führt zu skurrilen Kommentaren. Dorn und Lessing observieren eine Verdächtige: „Das ist die Ex von meinem Bruder“, weiß die Kommissarin zu berichten und fügt ganz nebenbei hinzu: „Sie hat die Lampe gemacht, die auf meinem Schreibtisch steht.“ Die Welt ist ein Dorf – und Weimar erst recht.

Interessant und erwähnenswert sind noch die ständigen Anspielungen auf die Serie. Abgesehen davon, dass die Tote sich einen ruhigen Abend hatte machen wollen und den Tatort schauen wollte, ertönt häufig als Hintergrund eine Variante der Titelmelodie. Selbstreferenzialität ist zwar kein absolutes Novum bei den Tatortfilmen, aber so deutlich wie in dieser Episode gab es das noch nie.

Mein Fazit: Unterhaltend und mit einigen guten Witzen. Dennoch kann ich die Lobhudelei des Spiegels („strahlende Dialoge“, „Trumpf) nicht nachvollziehen. Das neue Team muss sich die prominente Sendezeit eindeutig erst verdienen.

Hier geht’s zum Spiegel-Artikel: http://www.spiegel.de/kultur/tv/weimar-tatort-mit-christian-ulmen-und-nora-tschirner-a-938885.html.

Schöne, faire Welt

Schöne Kleidung, die fair produziert wurde und erschwinglich ist: Dieser Wunsch wird mehr und mehr Realität. Fairtrade-Kleidung findet man mittlerweile nicht nur bei Start-Ups, sondern liegt auch bei großen Unternehmen im Regal. Doch der Weg zu dem zertifizierten T-Shirt ist mühsam: Man muss sich durch einen Dschungel an Siegeln und Labeln kämpfen.

Die Bilder gingen um die Welt: Im April starben bei einem Brand in einer Textilfabrik in Bangladesh über 100 Menschen. Sie haben für Firmen wie KiK und C&A Kleidung genäht; Kleidung, die in Discountern in Deutschland verkauft wurde. Die Ursache war schnell ausgemacht: Die Brandschutzbestimmungen wurden nicht eingehalten. Doch je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, umso mehr wird klar: Es liegt nicht an einzelnen Verfehlungen von einigen Firmen.

Es scheint ein ganzes System dahinterzustecken: In Asien wird billige Kleidung für die „westliche Welt“ – also vorwiegend Europa und die USA – hergestellt, Opfer werden hingenommen. Ob die Näherinnen bei Bränden nicht aus dem Gebäude herauskommen, weil die Fenster vergittert sind, ob Färber Jeans mit stark giftigen Farbmitteln behandeln und ihre Haut nicht schützen oder ob Textilarbeiterinnen mit ihrem Gehalt kaum über die Runden kommen: Das alles steckt hinter einem T-Shirt für 6,99 Euro.

In Ländern wie Bangladesh arbeiten Näherinnen teils unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen, um billige Kleidung herzustellen

19 Stunden am Stück ließ eine Firma, die unter anderem auch Kleidung für Lidl herstellt, die Näherinnen arbeiten, enthüllte jüngst eine BBC-Reportage. Gisela Burckhardt weiß noch mehr solcher Geschichten, sie engagiert sich für die Kampagne für saubere Kleidung (CCC), die sich für die Rechte der Frauen in der Textilindustrie stark macht und die gegen Billiglöhnerei und Ausbeutung kämpft. Die promovierte Pädagogin rechnet zusammen, dass in den letzten acht Jahren alleine in Bangladesch 1800 Menschen durch Brände in Textilfabriken gestorben sind. Vom Mindestlohn, der derzeit bei 28 Euro im Monat liegt, kann keiner leben. Dabei macht der Lohnanteil bei einer Jeans gerade einmal ein mageres Prozent aus, die Materialkosten immerhin 13 Prozent. Das sind die Gelder, die ins Textil verarbeitende Land fließen, den Rest sacken sich die vertreibenden Unternehmen ein.

Eine gute Orientierung durch den Siegel-Dschungel ist Gold wert

Es gibt mittlerweile immer mehr Firmen, die diesen Weg nicht mitgehen wollen und die sich fairer Kleidung verschrieben haben. Viele der Textilstücke tragen Labels und Siegel. Diese signalisieren, dass die Kleidung bestimmte Anforderungen erfüllt und leisten somit einen wichtigen Beitrag, was das Vertrauen in Kontrolle und Erfüllung dieser Anforderungen, betrifft. Doch noch ist es für Verbraucherinnen und Verbraucher schwierig, sich durch die Bestimmungen der einzelnen Siegel zu kämpfen. Was genau heißt fair und ist es das gleiche wie Bio? Gisela Burckhardt macht schnell klar: Fair gehandelt und ökologisch produziert sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Die meisten Siegel stehen nur für „entweder oder“: Zum Beispiel sind GOTS und Naturtextil reine Bio-Siegel, das bekannte Fairtradesiegel hingegen, das man vom morgendlichen Kaffee her kennt, und das Label der Fair Wear Foundation haben mit Bio erst einmal nichts am Hut. Und dann gibt es wiederum Unterschiede zwischen den einzelnen Siegeln: Bei GOTS müssen die Kleidungsstücke aus mindestens 70 Prozent Bio-Baumwolle hergestellt sein, bei Naturtextil müssen die 100 Prozent voll gemacht werden, Fair Wear Foundation „siegelt“ generell keine einzelne Produkte, sondern zeichnet nur ganze Unternehmen aus.

Hilfestellungen bieten Ratgeber oder Einkaufshelfer. Alles in allem tut sich etwas in dieser Branche, die ersten Schritte sind getan – doch der Weg ist noch weit.

Alles, was wir wollen

Was wollen junge erwachsene Frauen heute? Welchen Lebensentwurf haben sie? Die 33-jährige Regisseurin Beatrice Möller ist dieser Frage nachgegangen und hat drei Frauen um die 30 mehrere Jahre begleitet. Ihr Film „alles, was wir wollen“ beschäftigt sich mit den Erwartungen und Schwierigkeiten bei der Lebensgestaltung junger Frauen in der heutigen Gesellschaft.

Filmplakat "Alles was wir wollen"
Filmplakat „Alles was wir wollen“

Im kleinen Kinosaal der Bonn-Beueler Filmbühne fühlt man sich um einige Jahrzehnte zurückversetzt: Rote Stoffverkleidung, in der Ecke steht ein alter Projektor. Im Publikum: Mehrheitlich junge Frauen, Männer und alte Leute sind in der Minderzahl. Die Frauen und Mädchen scheinen sich versammelt zu haben, um eine Antwort auf die wichtigste Frage von allen zu erhalten: Welches Leben möchte ich führen?

Fünf Jahre lang hat Regisseurin Beatrice Möller drei Frauen begleitet. Claudia, Mona und Marie-Sarah sind Journalistinnen, Übersetzerinnen und Schauspielerinnen, doch sie alle haben eins gemeinsam: Sie gehören der „Generation Y“ an, wollen vieles anders machen als ihre Eltern, schwanken dabei aber zwischen Emanzipation und Sehnsucht nach Familie und häuslichem Leben, zwischen Arbeitsleben und Kindererziehung und zwischen Chefsessel und Praktikum. Gefangen in der „Spaß und Wegwerf-Gesellschaft“ machen sie sich Gedanken über Verantwortung und Werte und die Frage „Wo gehöre ich hin?“.

Mona arbeitet in einem Übersetzungsbüro. Sie ist 35 Jahre alt und sagt: „Manchmal werde ich gefragt, ob ich Familie habe und verheiratet sei. Da denke ich: ,Das ist doch noch gar nichts für mich, ich fühle mich noch so jung’. Prinzipiell bin ich aber in dem Alter, in dem ich auch ein ganz anderes Leben führen könnte.“ Früher war einiges einfacher: Man hat studiert und einen Beruf erlernt, einen Mann kennengelernt und eine Familie gegründet, dann kam das Haus hinzu. Doch heutzutage fragen sich immer mehr junge Leute, ob sie dieses klassische Leben überhaupt leben möchten. Möchte man Kinder und eine Familie, weil man sich wirklich danach sehnt, oder weil es das gesellschaftlich vorherrschende Modell ist? Ein zentraler Punkt im Film sind die Begegnungen mit den Müttern der Protagonistinnen. Als Zuschauer sieht man sofort das Konfliktpotenzial dieser Begegnungen, wenn zwei Generationen aufeinandertreffen. Junge Frauen machen heute andere Erfahrungen als ihre Mütter und treffen andere Entscheidungen, das stößt bei vielen Müttern auf Unverständnis: Ob man keiner geregelten und (vermeintlich) sicheren Arbeit nachgeht, ob man sich (noch) nicht binden möchte oder aus Rücksicht auf berufliche Perspektiven den Kinderwunsch so weit wie möglich nach hinten schiebt.

Zu viele offene Türen lähmen – man kann sich nicht für alles entscheiden

In der Fülle an Lebensentwürfen, die einem jungen Menschen heute geboten werden, ist es schwierig, seinen persönlichen Lebensplan zu erkennen. Unsicherheit und Entscheidungsschwierigkeiten sind nur zwei Probleme, die daraus erwachsen. Die Schauspielerin Marie-Sarah bewirbt sich für ein Engagement nach dem anderen. Mal klappt es, mal nicht. Sie sei 29 Mal umgezogen, zählt sie nach. Und dennoch kann sie sich nicht festlegen und flattert wie ein Schmetterling von einem Ort zum anderen, von einer Idee zur nächsten: „Mir war das Herz groß für alles“, antwortet sie auf die Frage, warum sie sich für ein – in den Augen vieler anderer – so unstetes Leben entschieden hat. Ihre Mutter drückt es so aus: „Ihr jungen Leute habt zu viel Freiheit, um Entscheidungen zu treffen. Aus Angst, etwas zu verpassen, drückt ihr euch vor Entscheidungen, denn mit einer Entscheidung muss man bis zum Lebensende leben.“

Auch formulieren die Protagonistinnen den Wunsch nach Halt und Kontrolle über das eigene Leben, doch Sicherheit gibt es nicht. Überhaupt ist das Erwachsenwerden ein fließender Prozess – man kann es nicht wie eine Pizza bestellen und liefern lassen. Mona sagt: „Ich fühle mich, als ob ich einen Berg raufklettere und mich frage: ,Wo ist die Plattform, wo ich einmal verschnaufen kann und einen Blick auf mein Leben werfen kann?’ Nach dem Motto: ,Aha, so sieht mein Leben also aus!“

Viele Zuschauerinnen werden sich in dem Porträt der Frauen selbst erkennen

Der Film zeichnet drei intime Porträts von jungen Frauen, die sich auf den Weg gemacht haben, sich selbst zu entdecken. „Die Frauen geben viel von sich preis, das finde ich sehr mutig“, sagt Beatrice Möller. Sie hat den Film gedreht, weil sie sich in der gleichen Situation wiederfand: „Das waren auch meine Fragen“, gesteht sie. Die Arbeit hat ihr viel gebracht: „Ich fühle mich wohler und zweifle nicht mehr so stark an dem, was ich tue.“

Den Reaktionen im Kinosaal merkt man an: Möller ist mit den drei Protagonistinnen auf der Leinwand nicht alleine mit diesen Fragen. Das ist wohl das Herausragende an dem Film: Er macht Mut, sich auf die Suche nach dem eigenen, individuellen Lebensweg zu machen. Man sollte mutig die Chancen ergreifen, die die heutige Welt bietet, denn schließlich gibt es keinen „falschen Lebensentwurf“. Und es ist äußerst wohltuend zu wissen, dass sich so viele andere junge Frauen genau die gleichen Fragen stellen.

Kampf gegen Steuerhinterziehung

Lange Zeit wurde es als Kavaliersdelikt angesehen, mittlerweile hat sich der Wind gedreht: Steuerhinterziehung ist eine Straftat, darin sind sich alle Bürgerinnen und Bürger einig. Spätestens seit die Selbstanzeige von Fußballlegende Uli Hoeneß ans Licht kam, wird der Blick auf ein Phänomen gelenkt, was in den letzten Jahren (gefühlt) erheblich zugenommen hat.

Die Nachricht rauschte durch die ganze Gesellschaft: Ende April meldeten die Medien, dass FC Bayern-Präsident Uli Hoeneß Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben soll. Er habe sich selbst angezeigt, um Strafzahlungen zu entgehen. Die Wellen schlagen seitdem hoch in Deutschland: Polittalkrunden überbieten sich mit Analysen und Lösungsansätzen, es wird über Moral oder Sittenverfall gestritten, das Thema füllt ganze Zeitungen.

Ob Privatpersonen oder Unternehmen – „Steuervermeidungsstrategien“ scheinen im Trend

Erst Zumwinkel, dann Hoeneß, jetzt der Konzern Apple: Sie alle machen sich des gleichen Vergehens schuldig: Sie haben Steuern hinterzogen. Apple gibt gerade wie auch andere große US-Unternehmen wie Google oder Microsoft kein gutes Bild ab: Der IT-Gigant habe bis zu 70 Milliarden Dollar Steuern umgangen – alles legal selbstverständlich. Geschickt habe das US-amerikanische Unternehmen den Fiskus umgangen, in dem es Gewinne in ausländische Tochterfirmen schob, dorthin, wo die Steuersätze günstiger waren als auf dem heimischen Markt. Zum Beispiel nach Irland: Das kleine Land lockte mit einem besonders niedrigen Steuersatz Firmen an. Apple soll mit dem „keltischen Tiger“ sogar eine Steuerquote von zwei Prozent ausgehandelt haben, statt der üblichen Rate von zwölf Prozent, berichtet ZEIT online. Warum die Firmen dies tun, ist offensichtlich: Warum mehr zahlen, wenn man mit paar Zahlentricksereien Bares sparen kann? Für Apple-Chef Tim Cook endete diese Strategie allerdings vor dem US-Kongress, vor den er Ende Mai zum Rapport bestellt wurde.

Durch legale Steuertricks und Schlupflöcher entgehen den Staaten riesige Summen an Steuern

Auch die Europäische Union will und muss sich des Themas annehmen. Auf dem EU-Gipfel am 23. Mai kam das Thema auf die Agenda. Klar ist: Es geht nur gemeinsam. Die Wirtschafts- und Währungsunion ist mittlerweile so verflochten, dass Alleingänge nicht fruchten. Automatischer Datenaustausch zwischen der Europäischen Union und den als „Steueroasen“ geltenden Drittländern wie Schweiz und Liechtenstein, verschärftes EU-Zinssteuergesetz – es mangelt nicht an Ideen. Der Nachholbedarf scheint groß.

Doch (zumindest in Deutschland) täuscht der Eindruck: Die Maßnahmen, um Steuersünder aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen, sind in den letzten Jahren immer wieder verschärft worden. Für Dr. Markus Brender ist klar, was dahinter steckt: „Die staatliche Finanznot ist Ausgangspunkt für ein nachhaltiges staatliches Bemühen,  Steuerhinterziehungen aufzuspüren.“ Ziel sei, dadurch „das Steueraufkommen zu erhöhen“, sagt der Fachanwalt für Steuerrecht. Im Klartext: Der Staat ist klamm und sucht verstärkt Wege, um mehr Geld in die leeren Kassen zu spülen. Geld, das ihm zusteht.

„Erheblicher Steuerwiderstand“

Doch welche Beweggründe haben Steuer-„sünder“, warum galt der „Steuerbetrug“ lange Zeit als „Kavaliersdelikt“, als eine nicht so schwere Sünde wie andere Straftaten? Dr. Markus Brender glaubt in seiner Publikation Aktuelles Steuerstrafrecht, die Antwort zu kennen: Der konkrete Schaden, der durch die Hinterziehung entstehen würde, sei für den Bürger nicht offensichtlich. So bleibe der Schaden abstrakt und somit nicht greifbar. Auch verweist Brender auf ein „nicht mehr überschaubares Geflecht von Steuerregelungen und -ausnahmen.“ Dadurch und durch einen gefühlt „als überzogen empfundenen Fiskalanspruch“ glaubt der Bürger oder die Bürgerin „eine Art moralisches Recht zur steuerlichen Notwehr zu besitzen.“

Auf der einen Seite ist sich der Anwalt sicher, dass die Steuerhinterziehung nicht länger als Kavaliersdelikt empfunden werde. Dennoch: „Der Steuerwiderstand bleibt erheblich.“ So schnell werden sich Steuerfahnder nicht nach einem neuen Job umsehen müssen.

Erster Tatort mit Schweiger als Kommissar

Die Story ist nicht neu: Eine Bande Verbrecher zwingt minderjährige Mädchen zur Prostitution. Doch der Protagonist ist neu: Til Schweiger hat die Rolle als Tatort-Kommissar Nick Tschiller in Hamburg übernommen. Premiere war am 10. März.

Um einen ersten Eindruck von der Figur des neuen Kommissars zu erhalten, muss man sich nur das erste Wort, was nach Beginn des Tatorts aus seinem Mund kommt, anhören: „Fuck“ sagt Tschiller – und vermöbelt erst einmal einen Zuhälter mit einem Toaster. Das Schimpfwort soll sich im Laufe des Films (in diversen Varianten) noch wiederholen. So erkennt der Zuschauer oder die Zuschauerin innerhalb der ersten fünf Minuten, wie die Figur gestrickt ist und wie hoch das Tempo des mit Spannung erwarteten neuen Tatorts sein wird.

Der erste Eindruck hält sein Versprechen: Die Drehzahl dieser 90 Minuten ist extrem hoch, Super-Schweiger ist ständig in Aktion: Verfolgt zu Fuß einen Bus, zerschlägt mal eben die Scheibe und rettet so ein Mädchen aus einem Bus voller Gangster. Ein andermal wird er überwältigt und sieht sich nach dem Aufwachen mit einer Leiche in der Badewanne und selber an den Haltegriff gefesselt konfrontiert. Eine Bombe zählt die Sekunden runter. Selbstverständlich rettet sich Superkommissar Schweiger locker aus dieser brenzligen Situation – und die Leiche direkt mit. Bei Til Schweiger muss es immer eine Nummer härter sein. Die Story könnte auch aus anderen Tatorten stammen, doch viele Szenen sind spannungsgeladener, komprimierter, durchaus auch brutaler als der Durchschnittstatort. Und Schweiger geht offensichtlich in der Rolle des toughen und knallharten Workaholic, der Alleingänge macht und sich nicht in übliche Arbeitsstrukturen einfügen will, auf.

Super-Schweiger in Aktion: Verfolgungsjagden und Schießereien wechseln sich ab

Dazwischen muss sich Til Schweiger alias Nick Tschiller noch um seine pubertierende Tochter mit all den Teenager-Schikanen kümmern, gleichzeitig eine Zeugin beschützen und eine wütende Staatsanwältin besänftigen.

Einige Szenen entbehren nicht eines gewissen Humors (wenn auch auf völlig anderem Niveau als z.B. des Münsteraner Tatorts): Schweiger Tochter erzählt vom Anruf der Mutter. Diese hätte gefragt, ob die Tochter es schon bereue, zu ihm gezogen zu sein: „Ich hab ihr erzählt, dass du mir jeden Tag ein weiches Ei kochst.“ In der nächsten Situation sitzt sie am Frühstückstisch und schlägt ihr Ei auf – prompt spritzt das flüssige Innere über den ganzen Tisch.

Schweiger spielt seine Rolle als knallharter Cop auf kitschig-brutale Weise. Trotz der extrem actiongeladenen und temporeichen Szenen (oder gerade deswegen?) ist es ein sehr unterhaltsamer Tatort. Und es ist ja nicht so, als würden bei anderen Tatortfolgen nicht auch grausame oder krasse Szenen gezeigt. Den einfühlsamen Vater oder Beschützer kann man Schweiger aber in keinster Weise abnehmen.

Über 12 Mio. ZuschauerInnen sehen Schweigers Tatort

Die ZEIT schreibt über Schweiger, er habe „die schönsten Schrammen der ARD“ und kann sich vor Lob gar nicht mehr retten: „Til Schweiger brilliert als Action-Star. Im Tatort zeigt er sich aber als das, was es in Deutschland eigentlich gar nicht gibt: Als verdammt guter, grober, lässiger Action-Star.“ Na na, möchte man rufen, jetzt mal nicht übertreiben. Ja, es war ein spannender Film, aber das Rad hat Schweiger keineswegs neu erfunden. Und hatte er so etwas in der Art – eine „Neuinterpretation“ – nicht angekündigt?

Schweigers Tatort schert nicht komplett aus der Reihe vorangegangen Tatortfolgen aus, was Story oder Kameraführung angeht. Es geht bei ihm nur deutlich actionreicher zu als bei anderen Tatorten. Unterhaltsam, aber die erhoffte „Neuinterpretation“ ist ihm nicht gelungen.

Schweizer Banker sollen weniger Boni kassieren

Die Eidgenossinnen und Eidgenossen haben entschieden: BankmanagerInnen sollen in Zukunft weniger Geld aus Boni und sonstigen Prämien erhalten, die Gehälter sollen stärker reguliert werden. Bei der Volksabstimmung am 3. März sprachen sich knapp 68 Prozent der WählerInnen dafür aus, die Rechte der (Klein-) AktionärInnen zu stärken. Künftig sollen sie über die Gehälter an der Spitze entscheiden. In den kommenden Monaten soll das Schweizer Parlament dazu ein Gesetz ausarbeiten.

Die „Volksinitiative gegen die Abzockerei“ wurde vom Thomas Minder gegründet. Seit fünf Jahren kämpft der mittelständische Unternehmer gegen Gehaltsexzesse bei Banken. Jetzt hat er sein Ziel erreicht: Knapp 68 Prozent seiner Landsleiute stimmten für die Regulierung von Managergehältern. Bonuszahlung beim Weggang aus einem Konzern oder Begrüßungsprämien vor dem Beginn eines Arbeitsverhältnisses sollen in Zukunft sogar ganz verboten werden. Zuwiderhandlungen können mit Haftstrafen von bis zu drei Jahren bestraft werden. Damit bekommt die Schweiz eines der schärfsten Aktienrechte der Welt.

Nun reibt man sich erst einmal die Augen: So ein scharfes Gesetz gerade in der Schweiz? Doch gerade Schweizer Banker verdienen sich eine goldene Nase: laut Spiegel Online verdiente Novartis-Chef Daniel Vasella im Jahr 2011 15 Millionen Schweizer Franken (zwölf Millionen Euro). Zusätzlich erhielt er umgerechnet 60 Millionen Euro bei seinem Abgang aus der Firma. 11,2 Millionen Franken erhielt Paul Bulcke von Nestlé und immerhin noch zehn Millionen Franken verdiente Ernst Tanner vom Schokoladengiganten Lindt & Sprüngli. Spiegel Online rechnet aus, dass ein Konzernchef 2011 in der Schweiz durchschnittlich acht Millionen Euro verdiente – verglichen mit 6,7 Millionen Euro in Deutschland oder Großbritannien. Welche Wertschöpfung hinter solchen Zahlen stecken soll, ist Otto Normalverbraucher kaum zu vermitteln. Doch kann man das so einfach: Per Gesetz Prämien und Boni verbieten? In der ZEIT-Ausgabe vom 6. März streiten sich Mark Schieritz und Josef Joffe um die besseren Argumente.

Begrenzung von Boni: Sicherung des sozialen Friedens oder unerlaubte Einmischung?

Schieritz ist klar der Meinung, dass die Begrenzung der Boni notwendig ist, um den sozialen Frieden aufrecht zu erhalten. Man könne den Menschen nicht mehr vermitteln, warum ein Spitzenmanager bis zu 180 mal mehr verdient als ein Durchschnittsarbeitnehmer oder eine Durchschnittsarbeitnehmerin (aktuelle Zahlen aus den Dax-Unternehmen). Das Argument, „die kompetenten Leute würden doch dann ins Ausland abwandern“, hält er für eine leere Drohung. Zuguterletzt verweist Schieritz auf die Politik zu Kohls Zeiten: Da gab es noch den Spitzensteuersatz von 53 Prozent, da gab es noch die Vermögenssteuer und auch bei Erbschaften langte der Staat kräftig zu, heute ist die Vermögenssteuer abgeschafft, bei Erbschaften gibt es jede Menge Ausnahmen und der Spitzensteuersatz ist um sechs Prozent auf 47 Prozent gesunken – gute Aussichten für die besser Betuchten. Josef Joffe hält dagegen: Im Zweifel würden die Grundgehälter einfach erhöht. Und überhaupt – die Begrenzung der Boni und der Managergehälter sei nur Werkeln am Symptom, es löse nicht das eigentliche Problem. Wie könne man die Blasen, die Gier und Exzesse überhaupt erst ermöglichen, verhindern? Er kritisiert, dass viele Banken zu groß geworden seien – „too big too fail“– und der oder die SteuerzahlerIn somit in die Bresche springen musste. Zu Recht moniert er, dass die Kartellbehören bei einer Fusion von zwei „Provinzblättern“ aufschreien, es im Bankensektor aber anscheinend laxer angegangen wird. Joffe plädiert dafür, die Marktmacht der Banken zu begrenzen, nur so könne gewährleistet werden, dass es nicht schon bald zum nächsten Crash komme.

Die Schweiz befindet sich mit dem Votum in guter Gesellschaft: Erst Ende Februar hatten sich EU-Parlament und Mitgliedstaaten nach monatelangen Verhandlungen auf eine Deckelung der Bonuszahlungen für europäische Banker geeinigt. Ab 2014 darf die variable Vergütung, also Boni, Prämie & Co., maximal doppelt so hoch sein wie das feste Grundgehalt. Auch hier gibt es aber eine Ausnahme: Unter bestimmten Bedingungen können doppelt so hohe Vergütungen abgenickt werden – allerdings entscheiden darüber die Aktionäre. Sie haben bei den Entscheidungen eindeutig gewonnen.

Die bittere Wahrheit über Kaffee

So fängt der Morgen gut an: Ein leckeres Frühstück mit Brot und dazu eine frisch gebrühte Tasse Kaffee. Dies ist wohl für viele BürgerInnen der ideale Start in den Tag. Doch welche Stationen hat dieser Kaffee schon hinter sich, bis wir ihn genießen können?

Dass die Produktionsbedingungen häufig nicht gut sind, ahnen wir, wenn wir ein Pfund Kaffee für 3,99 Euro kaufen. Die NDR-Reportage „Bittere Ernte“ beleuchtet den Anbau der Kaffeeplantagen – mit erschreckendem Ergebnis:

Das Team um Michael Höft war unterwegs in Brasilien, um sich Kaffeeplantagen anzuschauen. Sie sprachen mit den ArbeiterInnen vor Ort und mit Agroökonom Professor Ivo Juksch von der Universität Minais Gerais und nahmen die Anbaubedingungen unter die Lupe.

Ans Licht gekommen ist: Auf den Kaffeeplantagen und bei der Bearbeitung der Kaffeekirschen wird ein ganzer Pestizid-und Fungizid-Cocktail versprüht: Von Opera über Endosulfan bis hin zu Bromgas. Teilweise sind die Stoffe in der Europäischen Union verboten, in Brasilien werden sie ohne weitere Bedenken verspritzt. Der Zuschauer konnte den Boden zwischen den einzelnen Kaffeesträuchern sehen: tot, keine einzige Pflanze kann dort wachsen.

Ein Boden, wo keine einzige Pflanze wächst, schlechte Arbeitsbedingungen – so sieht die Realität auf Kaffeeplantagen aus

Leidtragende sind die ArbeiterInnen. Das Reporterteam besuchte Menschen, die erkrankt sind und nun mit den Folgen leben müssen. Da gibt es den Arbeiter, der, gerade vierzigjährig, an Parkinson erkrankt ist. Und die Mutter, deren Sohn epileptische Anfälle hat. Sie hatte während der Schwangerschaft aus einem Bach auf der Plantage getrunken. Professor Ivo Juksch kritisiert: „Die Chemiekonzerne denken nur an ihren Profit. Auch die Plantagenbesitzer denken nur an ihren Gewinn. Und die Konsumenten wollen möglichst billigen Kaffee.“

Michael Höft und sein Team ließen Proben der verschiedenen Plantagen und Kaffees aus deutschen Supermärkten im Labor auf Pestizide testen. In den „rohen“ Proben konnten in der Tat Pestizidrückstände nachgewiesen werden, im Kaffee aus dem Supermarkt nicht mehr. Dr. Norbert Helle, Geschäftsführer des Labors TeLa Technische Lebensmittel- und Umweltanalytik GmbH, erklärt, warum: „Bei der Röstung haben wir relativ hohe Temperaturen, teilweise bis 200 Grad, da wird ein Großteil der Fungizide oder Herbizide, die eventuell verwendet werden, abgebaut.“ Für Konsumenten heißt das also: Entwarnung. Für die ArbeiterInnen auf den Kaffeeplantagen mitnichten.

Biokaffee ohne Pestizide

Wie sieht die Lösung aus? Muss man komplett auf Kaffee verzichten, um ein reines Gewissen zu haben? Nein, die Antwort ist so simpel wie nahe liegend: Man muss nur tiefer in die Tasche greifen. Bio-Kaffee schont die Natur. Der Anbau kommt ohne Pestizide oder Fungizide aus: Es gibt keine Monokulturen, neben Kaffeesträuchern wachsen Bananenbäume, Yamspflanzen oder Papayabäume; die Kaffeekirschen werden in der Sonne getrocknet und einfach gewendet, um dem Schimmel vorzubeugen.

Hinzu kommt, dass Bioanbau sehr häufig (wenngleich nicht zwingenderweise) mit fairem Handel Hand in Hand geht und somit auch die ArbeiterInnen profitieren, weil sie mehr verdienen und bessere Lebensbedingungen haben. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Geiz ist nicht geil. Wer die Umwelt und damit auch den Menschen schützen will und dennoch konsumieren möchte, darf nicht auf jeden Cent schauen.

Welches Land produziert am meisten Kaffee und wie lange brauchen die Bohnen, um zu reifen? Diese Fakten und mehr gibt es hier: Was man über Kaffee wissen sollte.

Schavan ohne Doktortitel

Jetzt ist es also passiert: Die Ministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, ist zurückgetreten. Grund: Am fünften Februar wurde ihr der Doktortitel von der Universität Düsseldorf aberkannt.

Zu allererst: Der Rücktritt war logisch und unvermeidlich. Als Bildungsministerin ohne akademischen Abschluss (sie hatte ja den Magister quasi „übersprungen“ und direkt ihre Doktorarbeit geschrieben) und unter Plagiatsverdacht hat sie – wie es so schön heißt – ihre Glaubwürdigkeit verloren. Dass Angela Merkel sie nicht halten wollte (und vermutlich auch nicht konnte), ist unter anderem auch dem Zeitpunkt geschuldet. Welche Bundeskanzlerin will sich im Wahljahr schon eine „beschädigte“ Ministerin ans Bein binden? Man muss honorieren, dass Schavan diese persönliche Konsequenz (ihren Rücktritt) rasch (durch)gezogen hat, man erinnere sich an unrühmliche Geschichten von PolitikerInnen, die sich an ihrem Amt festgeklammert haben, als ginge es um ihr Leben (wobei es für viele bestimmt auch um ihr politisches Über-Leben ging).

Doch die ganze Geschichte um die Aberkennung des Doktortitels hinterlässt in der Tat „ein Geschmäckle“. Die ZEIT (Nr. 7/ 2013) beleuchtet das Verfahren und stellt fest: An der Uni Düsseldorf dauerte das ganze Verfahren rund neun Monate, es kamen immer wieder interne Papiere an die Öffentlichkeit, knapp die Hälfte der Mitglieder des Fakultätsrates waren selber nicht promoviert und es saß keine einziger Vertreter des Faches Erziehungswissenschaft (in dem Schavan einst ihre Arbeit „Person und Gewissen“ schrieb) im Rat. Hinzu kommt, dass auf externe Gutachter verzichtet wurde (anders als im Falle Guttenberg). Dass das Verfahren so lange gedauert hat, muss keine Bedeutung haben. Die Besetzung hätte man sich aber ausgewogener vorstellen können. Und warum sichert sich die Universität Düsseldorf nicht ab und beauftragt externe GutachterInnen? Durch externe und unabhängige Fachleute hätte das Verfahren durchaus als „objektiver“ empfinden werden können.

Schavan wird eine „systematische Vorgehensweise und damit eine Täuschungsabsicht“ vorgeworfen

Dem gegenüber steht selbstverständlich, dass der Beschluss, Schavan den Titel zu entziehen, vom Gremium fast einstimmig getragen wurde (12 Ja-Stimmen zu 2 Nein-Stimmen und einer Enthaltungen). Und es wurde auch nicht von „Ungenauigkeiten“ gesprochen, nein es wurde eine „systematische Vorgehensweise und damit eine Täuschungsabsicht“ unterstellt.

In der Presseerklärung der Uni Düsseldorf vom 5. Februar stellt der Fakultätsrat fest, „dass in der Dissertation von Frau Schavan in bedeutendem Umfang nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte zu finden sind. Die Häufung und Konstruktion dieser wörtlichen Übernahmen, auch die Nichterwähnung von Literaturtiteln in Fußnoten oder sogar im Literaturverzeichnis ergeben der Überzeugung des Fakultätsrats nach das Gesamtbild, dass die damalige Doktorandin systematisch und vorsätzlich über die gesamte Dissertation verteilt gedankliche Leistungen vorgab, die sie in Wirklichkeit nicht selbst erbracht hatte. (…) Daher hat der Fakultätsrat Tatbestand einer vorsätzlichen Täuschung durch Plagiat festgestellt.“ Und weiter heißt es: „(…) Der Fakultätsrat [hat] mit 12 Ja-Stimmen zu 2 Nein-Stimmen und 1 Enthaltung in geheimer Abstimmung abschließend entschieden, die schriftliche Promotionsleistung von Frau Schavan für ungültig zu erklären und ihr den Doktorgrad zu entziehen.“ Die Eindeutigkeit der Entscheidung und der Wortlaut lassen kaum Zweifel zu: Schavan hat nicht nur ungenau oder schludrig gearbeitet, sondern getäuscht.

Dilemma: Hätte Schavan den Doktortitel behalten, hätte der Ruf der Universität oder der Wissenschaft allgemein gelitten

Nun muss man noch anmerken, dass diese Kommission ja unter einem erheblichen Druck stand. Nach Guttenberg und Koch-Mehrin und diversen anderen Personen wurde ja regelrecht auf mögliche Plagiate „Jagd gemacht“. Leute quer durch die Republik beteiligten sich an dem neuen Hobby. Durch diverse Plattformen wurde es leicht gemacht, Textpassagen aus wissenschaftlichen Arbeiten mit Originalstellen zu vergleichen. Die Atmosphäre wurde durch jeden neu aufgedeckten Fall mehr angeheizt. Hinzu kommt, dass PolitikerInnen als „Personen des öffentliches Interesses“ natürlich besonders im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Großes öffentliches Interesse, Druck und eine aufgeheizte Atmosphäre machen eine solche Entscheidung mit so einer Tragweite selbstverständlich nicht leichter. Lapidar gesagt stand die Kommission der Universitäten also vor der Entscheidung: Person retten oder Ruf der Uni retten? Selbstverständlich möchte sich keine Uni der Welt nachsagen lassen, man bekomme den Doktortitel bei ihr geschenkt oder man komme auch ohne wissenschaftliche Standards an den Titel.

Nicht zuletzt existiert in Deutschland aber auch eine große Unsicherheit, was das Thema „wissenschaftliches Arbeiten“ betrifft. Wenn man Glück hat, erhält man als StudentIn ein Merkblatt oder kann an einem Tutorium teilnehmen. Häufig werden aber nur Formalia beigebracht. Die Unsicherheit bleibt: Wie häufig muss man denn den Zitatnachweis erbringen: Reicht es nach jedem Absatz? Oder erst nach Abschluss des Gedankengangs? Oder muss man nach jedem Satz markieren, woher man den Gedanken/ das Zitat hat? Die Universitäten in Deutschland lassen den StudentInnen einen recht großen Spielraum, was solche Sachen angeht. Dann darf sich niemand wundern, wenn Textpassagen unterschiedlich interpretiert werden.

Fazit der „causa Schavan“: Mehr Sicherheit bei wissenschaftlichen Standards schaffen

Wenn Annette Schavans Arbeit wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügt, ist es richtig, ihr den Doktortitel zu entziehen. Man darf prominente Persönlichkeiten nicht anders behandeln als die StudentInnen von nebenan, die sich ehrlich anstrengen, ihre Arbeit genau und exakt aufzusetzen. Auf der anderen Seite bleibt aber ein schaler Beigeschmack: Inwiefern hat eben diese Bekanntheit (und der daraus entstehende Druck) ihr zum Nachteil gereicht? Um solche Fälle in Zukunft zu minimieren (ausschließen kann man das nie), bleibt nur eins: Die Unis müssen Sicherheit schaffen, exakte Standards definieren, damit Interpretationsspielräume minimiert werden. So sind beide Seiten – Unis wie Studierende – auf der sicheren Seite.

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